Gemeinsam unterwegs…

Ich (Anne) denke, dass die weltweite Kirche nur sichtbar und erlebbar wird, wenn es lebendige, personelle Verbindungen zwischen den einzelnen Kirchen gibt. Das ist für mich ein wesentlicher Grund, warum wir hier sind. Gemeinsam die weltweite Kirche sichtbar und erfahrbar werden lassen. Gemeinsam unterwegs sein….

„Gemeinsam unterwegs sein…“ dazu gehen mir ganz verschiedene Begebenheiten und Erlebnisse durch den Kopf, die ich in den letzten Monaten beobachtet und erfahren habe.

An einem freien Samstag frage ich die Frau eines Kollegen, ob sie Lust hätte mit mir, den Kindern und dem deutschen Ehepaar, das gerade als Unterstützung des Stationmanagers da ist einen Ausflug zu machen. Ihre Familie wohnt in der Gegend, es gibt einen schönen Markt mit gutem Gemüse.

IMG_7175Vielleicht ist auch noch ein Besuch am Strand drin. Sie freut sich sichtlich über die Gelegenheit und wir brechen gemeinsam auf. Gemeinsam unterwegs… Wir haben das Auto, sie die Beziehungen und das Wissen, wo man gut baden kann und zu welcher Zeit man am besten beim Markt auftaucht. Ich freue mich, durch den Besuch bei ihrer Familie wieder einen Eindruck mehr vom normalen Leben hier zu bekommen. In Deutschland haben wir uns manchmal mit einer befreundeten Familie getroffen und sind gemeinsam in den Tierpark oder zum Baden. Das war schön und man musste nicht viel überlegen. Hier ist das ein bisschen anders. Gemeinsam unterwegs… Aber wer sitzt im Auto vorne auf den bequemeren und auch sichereren Plätzen und wer hinten auf den „billigen Plätzen“? Wir vorne, weil uns das Auto gehört? Die Frauen hinten, weil das hier so üblich ist? Bisher habe ich immer darauf bestanden, dass zumindest Nora in ihrem Kindersitz sitzt und ordentlich angeschnallt ist. Jaron sitzt auf meinem Schoß. Wir sitzen in der Mitte des Autos. Ich bin froh, dass unser deutscher Kollege ein umsichtiger Autofahrer ist und nicht durch die Schlaglöcher rast, wie das hier oft zu beobachten ist. Bei einer recht maroden Brücke hält er an, um sich erst mal vom Zustand zu überzeugen. Von „hinten“, unserem neuguineischen Kollegen, kommt ein etwas irritiertes Zungenschlagen („Tztztztzt….“) Ganz offensichtlich hat er kein Verständnis für die langsame Fahrweise und diese unnötige Pause. „Wir Niuginis fahren jeden Tag über diese Brücke…“ höre ich ihn sagen. Umgekehrt mein deutscher Kollege. Er ist voller Unverständnis, dass die Menschen hier so wenig Sorge für die Infrastruktur übernehmen und die wenigen Holzplanken, die die Brücke passierbar machen lose daliegen, total marode sind oder schlicht achtlos am Straßenrand liegen, anstatt die Brücke zu stabilisieren. Gemeinsam unterwegs und doch aus ganz unterschiedlichen Welten!

IMG_7199 Als wir bei der Familie unserer Kollegen ankommen, klettert sofort ein Junge auf eine Kokospalme um uns frische Kulau (das Wasser der Kokosnuss) zu servieren. Wahre Gastfreundschaft! Anschließend gehen wir noch baden. Den wunderbaren Strand, den wir ohne die Hilfe unserer Kollegen wahrscheinlich nie gesehen hätten, genießen wir dann in gleicher Weise. Da spielen die Unterschiede dann mal keine Rolle!

Eine Erfahrung der letzten Monate ist diese: Es kann ganz schön anstrengend sein, sich in einer fremden Kultur zu bewegen, sich auf die Leute einzulassen, manche Unterschiede in Denken und Verhalten zu erleben und damit umzugehen! Auch die Abgeschiedenheit war für mich ziemlich herausfordernd. Wegen der langen Regenzeit war ich mehrere Monate „vor Ort“ in Logaweng. Knut ist zwischendurch mal nach Lae gefahren, ich bin mit den Kindern „zu Hause“ geblieben weil die Überfahrt mit dem  kleinen Boot bei unstetem Wetter einfach keinen Spaß macht und auch nicht ganz ungefährlich ist. Alleine war ich ja nicht, jeden Tag hatte ich Kontakt mit etlichen Leuten. Irgendwie war ich aber doch auch alleine. Unsere Kulturen, unsere Lebensführung, unser Denken sind eben doch sehr verschieden. Und dann plötzlich zum vierten Term kommen innerhalb von drei Wochen erst Eric – unser Volunteer, dann Jomie – ein „alter“ Papua-Neuguinea-Missionar als Short Term Lecturer, und schließlich Ehepaar Bonnyai zur Unterstützung des Stationmanagers. Plötzlich hatten wir Nachbarn, in den Häusern um uns brannte abends Licht, immer wieder wurden wir zum Essen eingeladen, man konnte auf deutsch ein paar Worte wechseln, wenn wir uns vor der Tür trafen…Es ist eine schöne Erfahrung, dass wir hier nicht „alleine“, sondern „gemeinsam“ mit anderen Mitarbeitern von Mission EineWelt unterwegs sind. Dass es eine Gemeinschaft der „Wantoks“ (= Mitglieder einer Sprachgruppe) gibt. Es hat mir gutgetan, für eine begrenzte Zeit Wantoks in Logaweng zu haben. Ein echtes Highlight war ein kurzer Besuch auf der nahen Tami-Inselgruppe mit Jomie und Eric. Wahres Südseefeeling und eine gute Portion Entspannung!

IMG_7743Wenn wir nach unserem Urlaub nach Logaweng zurückkehren, wird zumindest noch Eric da sein. Dann bietet die Abgeschiedenheit in Logaweng zumindest wieder die Chance sich ganz auf die Leute hier einzulassen und nicht der Gefahr zu erliegen, doch lieber „unter sich“ zu bleiben.

Kurz nach dem großen Reformationsjubiläum war Knut eingeladen, einen Gottesdienst in dem Dorf Kamlawa zu halten. Als sich herausstellte, dass es nicht nur ein „normaler“ Gottesdienst, sondern ein Gottesdienst mit Abendmahl, 6 Trauungen und 28 (!) Taufen werden würde, war er doch sehr froh, dass einer der nationalen Kollegen, sich bereit erklärte mit ihm diesen Gottesdienst zu gestalten. Gemeinsam unterwegs… Auch ich mit den Kindern war natürlich dabei. Für Nora sind solche Veranstaltungen nicht ganz einfach. Wo wir hinkommen, bildet sich eine Traube von Kindern um uns, alle wollen Nora mal anfassen, sobald sie nur ein Wort sagt, geht ein Raunen und Kichern durch die Menge. Natürlich ist das nicht leicht! In der Regel trifft man sich vor dem Gottesdienst erst mal im sogenannten „Haus man“ mit den Gemeindeältesten und trinkt einen Tee oder Wasser. Dieses „Haus man“ ist nach allen Seiten offen. Ich muss mich daran gewöhnen, dass ich dort keine Regung machen kann, ohne aus den umliegenden Häusern von unzähligen Leuten beobachtet zu werden. Es kommt auch vor, dass Leute ganz direkt mit ihren Mobilephones Fotos von uns machen. Dann kommt man sich ein bisschen vor wie im Zoo. Ich habe den Gottesdienst dann mit der Frau des nationalen Pastors nicht in der völlig überfüllten Kirche, sondern vom „Haus man“ aus beigewohnt. Der ging immerhin an die vier Stunden, die Kinder hatten irgendwann auch keine Lust mehr, stillzusitzen. Dabei wird jede Regung wie gesagt beobachtet, gelegentlich kommentiert oder anderswertig bedacht. Das ist anstrengend!

Und auf der anderen Seite finde ich es dann toll, dass wir hier gemeinsam Gottesdienst feiern. Die Freundlichkeiten, die man austauscht, kommen meinem Gefühl nach echt von Herzen.

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Man begegnet sich als Christen aus ganz unterschiedlichen Teilen der Welt. Man nähert sich an. Man ist gemeinsam unterwegs. Schließlich sitzt auch Nora mit ein paar Kindern am Boden und spielt versonnen mit den herumliegenden Muscheln. Und Jaron wird stolz von diversen Frauen durch den ganzen Ort getragen.  „Maski“ (…“ist doch egal“…), dass dabei unzählige Fotos von ihm gemacht werden.

Uns hat es dann schon stutzig gemacht, dass so viele Taufen auf einmal stattgefunden haben und vom Baby bis zum 7jährigen alles dabei war. Sollten die Leute ihre Kinder zur Taufe bringen, weil es etwas Besonderes ist von einem „Whitskin“ getauft zu werden? Zumindest theologisch wäre das fragwürdig. Wir haben anschließend den Leiter des Seminars gefragt, wie er das einschätzt. Der meinte, dass solche „Massentaufen“ durchaus üblich seien. Ob er das jetzt gesagt hat, weil das so ist, oder weil er uns nicht beunruhigen oder enttäuschen wollte… So genau unterscheiden können wir das nicht.

Mit dem Schuljahresende geht ein weiteres wichtiges Ereignis einher: Die Graduation.

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Dafür wird das ganze Gelände herausgeputzt, Essen herangeschafft und Zelte für die vielen Besucher aufgebaut. (Es ist schon beeindruckend, wie die Leute dies in kürzester Zeit aus reinem Buschmaterial hinbekommen!) Dann bekommen die Studenten des Abschlussjahres in einem feierlichen Gottesdienst ihre Zeugnisse überreicht. Viele Menschen aus den umliegenden Dörfern kommen zu diesem Ereignis nach Logaweng, um so ihre Solidarität mit dem Seminar und den zukünftigen Pastoren auszudrücken. Studenten, denen es schwergefallen ist, die Schulgebühr bis zur letzten Woche aufzutreiben, haben plötzlich Geld, um ein Rind kaufen und großzügig Fleisch an alle Lehrer zu verteilen. Da wurden auch wir nicht übergangen haben bestimmt 5 Kg feinstes Rindfleisch (und so manche derbe Schwarte) bekommen. Knut und ich haben beide gemerkt, dass uns die Studenten ans Herz gewachsen sind, dass wir es mit feinen Leuten zu tun haben, die ihren Dienst ernst nehmen und sich gerne für ihren zukünftigen Dienst haben zurüsten lassen. Wir wissen noch zu wenig über die Herausforderungen und Fragen, die sich diesen angehenden Pfarrern in ihrem Dienst stellen werden. Die Probleme sind ganz anders gelagert als in unserer Kirche und Gesellschaft. Wir sind jetzt hier um mitzuhelfen, dass theologische Fragen gut durchdacht werden. Wir sind hier, um mit einer anderen Sicht als der gewohnten auf manche Dinge zu schauen. Wir sind auch hier, um selbst zu lernen. Ich bin in dieser Beziehung zumindest noch ziemlich am Anfang eines Weges. Eines machen uns die Graduation, und die vorhergegangene Amamas Nait ( „Nacht zum Freuen“, ein gemeinsamer Bunter Abend zum Abschluss des Schuljahres) und das gemeinsame Essen mit allen frisch gebackenen Theologen und Lehrern deutlich: Wir sind hier ein Teil einer Studien- und Lebensgemeinschaft. Uns wird viel Respekt und Wohlwollen entgegengebracht. Wir sind gemeinsam unterwegs.

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Das Schuljahr ist vorbei, es wird ruhiger am Seminar. Immer mehr Studenten brechen zu ihrem Ples (Dorf) auf, um mit ihren Familien Weihnachten zu feiern. Bei uns steigt die Vorfreude auf unseren „Ples“. Eines Nachmittags kommt eine Frau eines Studenten bei uns am Haus vorbei. Ich mag diese Frau gerne, wir haben schon oft miteinander gesprochen und unsere Kinder haben miteinander gespielt. Ich frage sie, wann sie denn aufbrechen werden. Da fängt sie an…“ Ach, sie würden ja gerne zum Ples fahren….Aber sie haben kein Geld, sie werden wohl hier bleiben müssen….die Kinder seien auch schon ganz traurig, weil sie das zweite Weihnachten in Folge Oma und Opa nicht sehen,…Sie hätten hin und her überlegt aber es gehe einfach nicht…“. Ich widerstehe meinem ersten Impuls in dieser Situation mit einem finanziellen Zuschuss auszuhelfen. Aber die Begegnung lässt mich trotzdem nicht kalt. Mir tut es leid, dass viele Menschen hier so arm sind. Ich finde es schwer, dass wir im vergleich dazu so unglaublich reich sind. Es würde uns nicht sehr weh tun dieser Familie die Reisekosten zu erstatten. Doch erst einmal bleibt es bei einem „Tut mir wirklich Leid…“ meinerseits. Am nächsten Morgen schaue ich nicht recht. Sitzt doch die ganze Familie auf gepackten Koffern auf dem Seminarauto, um zur Bootsanlegestelle Richtung Lae zu fahren. Da hat sich über Nacht offenbar doch noch ein Weg gefunden die Reise anzutreten. Oder anders ausgedrückt „Klappern gehört zum Geschäft“ und „Man kann´s ja mal versuchen…“.

Nächste Woche steigen wir aufs Auto und ins Boot und dann sind wir als Familie erst mal wieder eine Weile gemeinsam unterwegs…

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Reformation-Feiern in Papua-Neuguinea

„Ich dachte, die Lutherische Kirche sei tot, aber nun ist sie wieder auferstanden.“ So sprach ein Mitarbeiter der katholischen Kirche über die Lutherische Kirche in und um Mount Hagen nach dem Reformationsfest. Ich weiß nicht, was vorher war, aber ich habe drei beeindruckende Gottesdienste erlebt. Besonders die Christinnen haben ihn durch ihre Tänze bereichert.

Auch Vorträge, Predigten, Gebete und vieles mehr gehörten zu den 3-4 stündigen Gottesdiensten am 29.10, 30.10. und 31.10. Ich war nach Hagen eingeladen, um daran mitzuwirken. Am Reformationstag selbst hatte ich die Ehre vor mehreren tausend Leuten zu predigen. Sogar Fernsehen, Radio und Zeitungen berichteten von dem Ereignis:

http://www.thenational.com.pg/lutherans-turn-mt-hagen-red-mark-churchs-500th-year/

Ich habe weder in Hagen noch in Finschhafen oder in Lae eine kritische Auseinandersetzung mit Martin Luther erlebt, sondern vor allem Identitätssuche. Die Lutherische Kirche ist eine der größten in diesem Land mit einer beeindruckenden (Missions-)Geschichte. Es gibt Halt, in ihr Mitglied zu sein. Ziel meiner Predigt war es, Luther als Verkündiger Jesu Christi darzustellen.

Christen in diesem Land ist bewusst, dass das Evangelium durch die Mission zu ihnen gekommen ist. Daher wurde ich als Missionar und Vertreter der Partnerkirchen eingeladen, ihnen das Evangelium zu zusprechen. Ob Luther nun im kalten Wittenberg die Thesen angeschlagen hat oder nicht, hier wird er als Champion der Wahrheit gefeiert.

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Er hat das Evangelium wieder ans Licht gebracht, wird hier häufig gesagt. Treffender scheint mir: Er hat es neu „übersetzt“. Das ist interkulturelle Arbeit und dies sehe ich auch als meine Aufgabe an. Ich versuche hier wie wahrscheinlich viele Pfarrer in Deutschland ebenfalls, das Evangeliums ständig neu zu übersetzen.

Reisen in diesem Land ist so eine eigene Sache: Sonntag, den 29.10. bin ich nach einer Nacht in Lae und einer unfreiwilligen Nacht in der Hauptstadt Port Moresby vormittags in Hagen angekommen. (Zwei Flüge waren gestrichen worden, eigentlich sollte ich mittags am 28.10. mit einem Direktflug nach Hagen kommen.) Am 01.11.2017 bin ich zurückgeflogen und habe wieder eine Nacht in Lae geschlafen und bin dann mit einem Boot nach Finschhafen zurückgefahren. Es war schon viel Aufwand, aber nur so konnte ich dieses Land besser kennenlernen. Ich habe viele äußerst geduldige, freundliche, höfliche und beziehungsorientierte Menschen getroffen. Kriminalität ist mir nur indirekt begegnet, obwohl Hagen wie auch Lae einen sehr schlechten Ruf haben. Für fast jedes Haus besteht anscheinend die Notwendigkeit, einen eigenen Wachmann anzustellen.

Zurück im überschaubaren und sicheren Logaweng hat eine der stressigsten Zeiten des Jahres für mich begonnen: Ich musste noch viele Aufsätze korrigieren, um die Abschlussnoten geben zu können. Weiterhin galt es diese Woche noch den normalen Unterricht zu erteilen und einen Gottesdienst am kommenden Sonntag mit 24 Taufen und 6 Hochzeiten und Abendmahl bereite ich gerade vor. Den halten wir übermorgen zu dritt in einer Nachbargemeinde.

Die Noten sind nun abgegeben und viele Feierlichkeiten sind im vollen Gang. Der Abschlussjahrgang hatte gestern Abend alle Lehrer zum Essen eingeladen. Dafür wurde extra ein schlachtreifes Schwein gekauft und viele Bilums geknüpft. Nächste Woche werden feierlich alle Zeugnisse überreicht.

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Das erste Fest, auch zur Verabschiedung von Jomie Wild, unserem Gastdozenten, und von Ehepaar Bonnyai haben wir am Freitag, den 03.11. schon gefeiert. Gerade kommt also wirklich ein Fest nach dem anderen, da weiß man manchmal gar nicht mehr wo einem Kopf und Magen stehen. Mit viel Liebe und Hingabe werden Reden gehalten, Theaterstücke vorgeführt, Gesänge präsentiert, sowie großes Essen aufgefahren.

Gebet, Gesang und Gespräche

Es ist ein wenig schwer von all dem zu berichten, was in den letzten 2 Wochen passiert ist: Zuerst hatten wir vom Referenten für Pazifik, Ostasien und Papua-Neuguinea von Mission EineWelt, einem bayrischen Gemeindepfarrer und den zwei Dozentenkollegen aus Fidschi und den Philippinen Besuch. Es tat unheimlich gut, sich mit allen auszutauschen. Einen der Kollegen, Alois Schwarz, kannten wir schon vom Vorbereitungsseminar. Wir haben uns riesig über den Besuch gefreut, auch weil es Gelegenheit gab, vieles einmal zu besprechen. Er hatte vorher schon hier gearbeitet und konnte uns so gut verstehen.

Einmal sind auch alle Übersee-Mitarbeiter zu einem gemeinsamen Abendessen zusammengekommen: 2 deutsche Ärzte, 1 Arzt aus Madagaskar, 1 deutscher Gastdozent, 1 philippinischer Kollege mit seiner Frau, 1 philippinischer Stationmanager, 1 deutsches Senior-Expert-Ehepaar als kurzfristige Unterstützung des Managers und der Buchhaltung, 1 Freiwilliger, die 4 Gäste, und vier 4 – 17 Frauen und Männer haben festlich gespeist. Leider war dieses Essen auch ein Abschiedsessen für eine der beiden Ärztin, die wir als Familie sehr vermissen werden.

Wir alle sind am 04.10. nach Alexishafen bei Madang aufgebrochen. In Gagidu, 8 km von Logaweng entfernt, haben wir auf der Landepiste auf den Flieger gewartet.

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Besonders der Flug zurück war etwas ganz Besonderes, da der Pilot Freude daran hatte uns das besondere Gesicht der Schöpfung Gottes in Papua-Neuguinea zu zeigen. Das Land ist unheimlich zerklüftet. Darum leben einige Menschen total isoliert.

In Alexishafen stand eine gute Mischung aus Vorträgen, Konferenzen, Bibelarbeiten und Freizeit auf dem Programm. Es tat gut, aus neuen Perspektiven auf unser Leben und unsere Arbeit hier zu schauen. Das Thema war treffend „beyond“. Obwohl Jaron gerade in dieser Zeit einen weiteren Backenzahn bekommen musste und obwohl wir abends mit den Kollegen zusammensaßen, sind wir erholt nach Finschhafen zurückgekommen. Das Programm, aber auch Gebet, Gesang und Gespräche wie auch gutes Essen und Schwimmen im Meer haben der Seele einfach gutgetan.

Jetzt hoffe, ich dass der Schwung nicht nach nachlässt. Gut 4 Wochen Unterricht liegen noch vor uns. Ich korrigiere gerade die Predigtarbeiten des letzten Jahrgangs. Die Studenten dieses Jahrgangs schreiben diese Woche Probeprüfungen, 2 Wochen später die eigentlichen Abschlussprüfungen. Ansonsten stehen noch große Feierlichkeiten an, denn viele Studenten werden in die Gemeinden zum Vikariat oder zum Pfarrdienst entsandt. (Nach dem Vikariat müssen alle noch für 1 Jahr zum Seminar zurück.)

Ferner bereite ich gerade einen Vortrag zum Reformationsjubiläum und eine Predigt vor, weil ich eingeladen wurde, in Mount Hagen bei den Feierlichkeiten mitzuwirken. Ich freue mich schon auf die Begegnungen und den nächsten Flug.

Eine Fortbildung für alle Pfarrer und Evangelisten ist für Ende November noch geplant. Anschließend, Anfang Dezember, fliegen wir nach Deutschland: Den gesamten Jahresurlaub werden wir in Ostfriesland bei meinen Eltern und in Erlangen bei Annes Eltern verbringen. Wir freuen uns schon, Familie und Freunde wieder zu sehen.

Eine andere Welt

Die Sonne geht auf der anderen Seite unter, Uhren werden nicht getragen, Strom ist für viele Luxus. Vieles ist hier anderes.

Immer wieder fühlen wir uns hier noch sehr fremd. In Deutschland wird das ganze Jahr schon das Reformationsjubiläum gefeiert. Hier wird jetzt erst organisiert, was Ende Oktober geschehen soll. Das Zeitverständnis ist hier ein ganz anderes. Ich habe eine Einladung erhalten, in Hagen einen Vortrag zur Reformationsgeschichte zu halten und dort am 31.10. zu predigen. Ich freue mich schon dort, hinfliegen zu können. Meine Hautfarbe, meine Sendung in die Mission oder mein theologischer Abschluss haben vielleicht zu der Einladung geführt. In Deutschland würden möglicherweise andere Kriterien angelegt.

Hoffentlich im September wird das Seminar wieder ein zweites Fahrzeug besitzen, um die Kinder der Studenten zur Schule zu fahren. Der Beschluss, diesen neuen Truck anzuschaffen, ist schon letztes Jahr gefallen. Lange ist nichts passiert. Das hat mich schon etwas frustriert, aber ich freue mich, dass ich hoffentlich bald davon schreiben kann. Dann müssen nicht mehr wie jetzt alle Schulkinder unter einer einfachen Plane bei Regen hin und her gefahren werden.Landcruiser

Zum wiederholten Mal wird gerade an der Straße gearbeitet, die nach Logaweng hinaufführt. Eine Straße dieses Zustandes wäre in Deutschland ein echter Skandal: Es sind einfach viele tiefe Schlaglöcher. Ich hoffe, die Ideen eines Ingenieurs und seiner Frau aus Deutschland, der für 3 Monate hier lebt, haben nachhaltigen Erfolg.

Die beiden, unser Volunteer Eric und Senior-Lecturer Jomie Wild haben unseren Alltag stark verändert. Wir essen häufig mit anderen zusammen. Soviel Curry-Honig-Hühnchen mit Sirup statt Honig hatte ich noch nie in meinem Leben verspeist wie hier seit August. Die Hühner dafür wurden vorher lebendig gekauft.

Unser Hühnerstahl hat jetzt schon ein Dach bekommen, aber wir haben beschlossen, erst nächstes Jahr die Hühner zu kaufen. Im Dezember / Januar verbringen wir unseren Jahresurlaub in Deutschland, wer soll da die ganzen Eier essen. Bin ich doch etwas im hiesigen Zeitrhytmus angekommen?

Auf den Urlaub freuen wir uns übrigens schon sehr. Nach einem Jahr Freunde und Familie wieder in die Arme zu schließen, ist doch etwas Besonderes. Und welcher Pastor / Pfarrer kann sich schon 6 Wochen am Stück wirklich vom Arbeitsplatz fernhalten.

Seit September sind wir nun offiziell Stellenteiler. Ich verbringe mehr Zeit mit den Kindern. Gerne spielen sie im Sandkasten oder im Planschbecken. Jaron will schon morgens beim Frühstück nach draußen. Nora freut sich, wenn andere Kinder vorbeikommen, und sie ihren Namen hört. Das Trampolin unserer Vorgänger und eine Schaukel ziehen einige Kinder der Studenten oder Mitarbeiter an. Es regnet nun weniger und es ist noch nicht zu heiß, Ende September ist die Beste Zeit, um draußen zu sein.

SandkastenTheologisch beschäftigt mich gerade das Priestertum aller Gläubigen. In einer Abschlussarbeit, die ich betreue, wird zuerst die Arbeit der Priester im AT und Jesu Wirken als Hohepriester (Hebräerbrief) untersucht und dann werden daraus Schlüsse gezogen, was dies für das Leben aller Christen bedeutet.

Ansonsten liegen Abschlussarbeiten aus einem Predigtlehre-Workshop auf meinem Schreibtisch. Es hat großen Spaß gemacht, mit den Studenten fremden Predigten zu analysieren, eine Predigtintention herauszuarbeiten oder eigene Predigten oder Versatzstücke zu schreiben. Vor Kurzen habe ich im Predigerseminar noch selber an der eigenen Predigt gebastelt, nun höre ich die Versuche anderer. Wie schnell die Perspektive wechseln kann! Eigentlich müsste nach dem Kurs ein kleines „Lehrbüchlein“ entstehen, damit weniger dogmatische Vortrag auf der Kanzel gehalten werden, sondern alltagsrelevantes Reden mit der Gemeinde von Gott her geschieht. Aber wer übernimmt dann meinen Unterricht?

Neue Nachbarn und eine nicht enden wollende Regenzeit

In Lae soll es siebenmal mehr als in Bremen regnen und in der Region Finschhafen noch mehr. Wir fiebern dem Ende der Regenzeit entgegen. Von Juli bis September regnet es manchmal bis zu 4 Tage durch. Im Klassenraum verstehe ich fast mein eigens Wort nicht mehr. Draußen sind wir nur mit Schirm unterwegs. Nora und Jaron rennen allerdings auch gerne durch die Pfützen. Insgesamt schlägt das Wetter schon auf die Stimmung, nicht unbedingt positiv….

Gestern waren einige Studenten bei uns, damit ein Sandkasten und ein Hühnerstall gebaut werden. Immer wieder wurde die Arbeit unterbrochen, um am Ende nicht völlig durchnässt zu sein.

Am Spätnachmittag wollten wir dann noch zu einem wirklich schönen Strand aufbrechen, als endlich die Sonne doch kurz durchkam. Die Straße Richtung Strand, früher mal eine Landepiste eines Militärflughafens des zweiten Feldkrieges, war allerdings gerade nicht befahrbar. Bäume waren durch den letzten Sturm auf sie gekippt. Einen großen Baum haben die Studenten mit einem Buschmesser noch zur Seite bekommen, für den zweiten Baum hätten sie eine Axt gebraucht…

Der Sand für den Kasten muss nun noch etwas auf sich warten lassen. Vielleicht kommt diese Woche noch mal die Sonne raus. Gerade ist zwischen Term 3 und 4 eine Woche Unterrichtsfrei. Da wäre mal Zeit zum Baden und zum Sand holen.

Ansonsten verbringen wir eben mehr Zeit in unserem großen Haus. Vorgestern haben habe ich das erste Mal unseren Beamer hier aufgebaut. Hans-Joachim, alias Jomi, Wild, ist letzte Woche hier angekommen. Er wird ab nächster Woche als Gastdozent mitwirken. Er hatte schon viel von Game of Thrones gehört und nun diese Serie das erste Mal selbst „erlebt“.

Kurz vor Jomi ist auch noch Eric Arthur, ein Volunteer aus Bremen, hier angekommen. Ihn habe ich aus Lae abgeholt. Wir hatten eine Überfahrt mit wirklich hohen Wellen und einem etwas zu voll beladenen Boot, aber nur eine Saftflasche, einige Dosen Softdrinks und Mehl haben bei der Überfahrt Schaden genommen. Nunja, unsere Haut von der Sonne auch, obwohl es zwischendurch auch auf der Überfahrt geregnet hat. In Erics Nähe erinnere ich mich häufig an meinen Missionseinsatz 2005/06 in Brasilien, ein unheimlich wertvolles Jahr für mich. Hoffentlich kann er das nachher auch von seinem Jahr hier auch sagen. Auch er bloggt: http://nordkirche.culturepoet.org/members/pg-eric. Das Seminar hat meinem ersten Eindruck nach mit ihm viel Glück. So hat gleich mit den Studenten die Gegend erkundet und hilft in der Bücherei, ein digitales Inventar zu erstellen.

Heute ist noch ein weiteres Ehepaar aus Franken zu uns gestoßen und feierlich begrüßt worden. Er sollen Toni, unseren philippinischen Stationsmanager, der sich um alle handwerklichen Arbeiten auf dem Gelände kümmert, unterstützen. Ich bin gespannt, wie sie hier ankommen werden.

IMG_20170905_165232Unser Leben verändert sich plötzlich sehr. Die Zahl der deutschsprachigen ist in ca. 10 Tagen um über 100 Prozent gestiegen. Jaron kann man als Sprecher ja noch nicht richtig mitzählen. „Mama“ und „Papa“ kommen schließlich in vielen Sprachen vor.

Von Schenken, Teilen und Geben

Die letzten beiden Wochenenden habe ich wertvolle Erfahrungen gesammelt. Zweimal gab es die Gelegenheit, Nachbardörfer kennenzulernen.

Mit 4 Studenten, einer Frau eines Studenten und deren 3 Kindern haben wir vier am Sonntag, den 06. August Gottesdienst in Salawa gefeiert. Der Ort liegt ca. 1 Stunde Fußweg entfernt.

IMG_20170814_211320 Eigentlich könnte man auch gut mit dem Auto dorthin fahren, eine kaputte Brücke macht dies aber gerade unmöglich. Wir haben den Fußmarsch genossen, auch weil die Studenten es sich nicht haben nehmen lassen, unsere Kindern zu tragen.

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Wir wurden in Salawa mit großer Dankbarkeit und Freude empfangen. Der Begriff der Mission ist hier sehr positiv besetzt. Es war etwas Besonderes, dass wieder eine Missionarsfamilie sich zu ihnen aufgemacht hat.

Letzten Freitag bis Sonntag habe ich einen Studenten zu einem Wochenendpraktikum begleitet. 60 Minuten Autofahrt und fast 3 Stunden Fußmarsch haben wir zurückgelegt, um in Mange anzukommen. Bei einem Kirchenvorsteher habe ich in einem Ein-Mann-Zelt geschlafen. Der Student und ich wurden mit Essen von ihm und vielen anderen aus dem Dorf überhäuft: Frischer Fisch, Wurzelgemüse aller Art, Kochbananen und grünes Blattgemüse sowie gerade geschlachtetes Hühnchen wurden uns serviert. Ich habe für Anne 6 Bilums, traditionelle selbst gemachte Taschen und anderen Schmuck, geschenkt bekommen. Mir wurde so viel Ehre und Dankbarkeit entgegen­gebracht, dass es mir fast unangenehm war. Sie haben es nicht als Selbstverständlichkeit gesehen, dass sich ein Missionar aus Deutschland, dem Land von Martin Luther und Johann Flierl, zu ihnen aufmacht.

IMG_20170814_211024Für mich waren beide „Buschtrips“ eine wertvolle Erfahrung, weil sie mir mehr Einblick ins Leben der Menschen hier gebracht haben:

  • Manches könnte einem auch in Deutschland passieren: Der Pastor ist für Mange, wo er wohnt, und dem Nachbarort zuständig. Einige Bewohner des Nachbarortes sind unzufrieden, dass er dort nicht präsent genug ist.
  • Allerdings liegen zwischen den Orten 90 Minuten Fußweg. In Deutschland hätte der Pastor oder Pfarrer, wie man in Bayern sagt, ein Auto. Hier bekommt er noch nicht mal ein festes Gehalt. Mit seinem Haus, einem großen Garten und vielen Aufwandsentschädigungen ist er allerdings bessergestellt als viele Kollegen.
  • Mit einem Vorschulkind konnte ich mich nicht über die Sprache verständigen. Es konnte nur die Dorfsprache Jabim und kein Englisch oder Tok Pidgin.
  • Ein Wasserrohr ausgehend von einem Bach und eine Regentonne reichen völlig zum Duschen.
  • Die Familienbande, die Dorfgemeinschaft und die Sprachgruppe ist traditionell stark. Entscheidungen treffen nicht die einzelnen, sondern die Gemeinschaft. Mange hat zusammen entschieden, dass andere Kirchen außer der lutherischen sich in dem Ort nicht ansiedeln dürfen.
  • Privatsphäre ist ein Fremdwort. Alles wird geteilt. Manchmal hätte ich mir einen Rückzugsort gewünscht.
  • Toiletten bringt man am besten übers Meer an, dass Meer spült einfach alles weg.IMG_20170814_211115
  • Der Klimawandel trifft auch hier die Menschen. Anscheinend war der Nachbarort das letzte Jahr das erste Mal in seiner Geschichte überspült. 2 Häuser sind zusammengebrochen.

Auf dem Rückweg wurden wir von vielen Dorfbewohnern noch begleitet, weil es viel zu schleppen gab. Nicht nur die erwähnten Geschenke für mich, sondern auch zahlreiche Gartenfrüchte. Das Dorf fühlt sich mit dem Seminar und den Studenten verbunden und hat für alle viel mitgegeben. Gerade ist Regenzeit. Die kleinen Felder der Studenten tragen darum nicht gut genug. Da ist diese Art der Spende eine große Hilfe.

Gestern konnte durch eine anonyme Spende den 68 Studenten, teilweise plus Frauen und Kindern, zusätzlich mit 700 Kg Reis und vielen Nudeln geholfen werden. Mit hat es richtig Spaß gemacht, diesen Einkauf zu erledigen, besonders weil der Ladenbesitzer uns noch 100 kg Reis draufgelegt hat. Vorher hatte ich einen recht kleinen Rabatt aushandelt, wahrscheinlich völlig entgegen der Kultur. Ich hatte innerlich schon mein Urteil gefällt. „Ohh Mann, bei der Menge hätte man auch mehr Nachlass gewähren können.“ Aber dann wurde ich eines anderen belehrt, als bewusst 10 Säcke mit 10Kilo Reis mehr in unser Auto geladen wurden.

Lebensgeister, Lehrpredigten und Lutherverklärung. Interkulturelle Theologie praktisch in Papua-Neuguinea. Einblicke in meinem zweiten Unterrichtsterm.

Der „Schatten“ bzw. der Geist des Menschen, Wasser- oder Berggeister und Dämonen (auf Tok Pisin: tewel, masalai na spirit nogut) beschäftigt Christen und Andersgläubige auch heute hier. Letzte Woche versuchten wir den Glauben daran mit dem Heiligen Geist in Verbindung zu bringen. Wie können wir gut und wohlbehalten leben, wenn unser Leben von so vielen Wesen um uns herum beeinflusst wird? Es scheint mir zu einfach, alle „traditionellen“ Glaubensvorstellungen als „Lügnerei“ abzutun, wie es häufig getan wird. Ich habe mir vorgenommen, nicht mit schnellen Antworten zufrieden zu sein.

Der Kurs „Heiliger Geist“ öffnet mir Einblicke in die Vorstellungen der Menschen hier. Der Heilige Geist schwebt über dem Wasser. Die Schöpfung beginnt. Der Heilige Geist überschattet Maria. Neues Leben wird geschaffen. Der Heilige Geist kommt als Taube auf Jesus herab. Ein neuer Auftrag ist geboren. Bisher hatte ich die Lehre vom Heiligen Geist nur wenig mit der Schöpfungslehre verbunden, diese Gedanken eines Studenten öffnen mir neue Denkhorizonte. Parallel lese ich tatsächlich viel in Moltmanns Werk „Der Geist des Lebens“. Beides, der Dialog mit den Studenten und mit dem großen Theologen, inspirieren mich.

Ich bin hier nicht nur Lehrer, sondern auch Lernender. Das wird mir immer klarer, besonders indem ich erkenne, wie fremd mir diese Welt ist. Alles geht langsam. Als ungeduldiger Mensch eine große Herausforderung. Niemand ist hier so getrieben wie im hektischen Europa. Die Menschen leben mit dem Tagesablauf und nehmen vieles stoisch hin: Tägliche Stromausfälle, unpassierbare Brücken, die den Weg zum Feld versperren oder die Abwesenheit von Kollegen, von ihnen selbst verschuldet oder unverschuldet. Anderseits kochen die Emotionen dann manchmal über: Das Wahlergebnis wird nicht einfach hingenommen, sondern aus Frust wird eine Polizeistation angezündet. Anhaltende Gelassenheit neben unbändiger Zerstörungswut, beides passt in meinen Augen nicht zusammen. Die Menschen hier denken und handeln einfach anders. Das wirkt sich auch auf die Theologie aus. Die Studenten denken eher synthetisch, sodass sie z. B. weniger Probleme mit der Trinitätslehre haben als wir. 1+1+1 kann durchaus mal 1 sein.

Die Menschen sprechen auch anders. Predigten gleichen häufig dogmatische Lehrvorträgen. Ich wurde eingeteilt, einen Predigtworkshop zu halten, dabei sollen Erfahrungen aus dem vergangenen Vikariatsjahr reflektiert werden. Gut, dass mein eigenes Vikariat und die Wochen im Predigerseminar noch nicht ewig her sind. Ich versuche jetzt meinen Studenten mitzugeben, dass es eine gute Predigtintention braucht und dass man Lehre auch in Bildern und Geschichten weitergeben kann. Ich hatte gelesen, dass in dieser oralen Kultur viele emotional erzählen können. Ist das verschüttet gegangen, weil durch die erste Mission Katechismuspredigten im Vordergrund standen? Ich muss Emotionen bei den Studenten manchmal fast hervorkitzeln. Eins muss man den Studenten aber lassen: Sie predigen fast alle frei, in Deutschland eher ungewöhnlich.

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Sogar im letzten Studienjahr war den Studenten das homiletische Dreieck (Hörer – Text – Prediger/Ich) bisher neu. Wichtig war ihnen vor allem, dass die Hauptaussage des Bibeltextes erkannt wird und der gepredigt wird. Gar nicht so einfach bei häufig ca. 20 Versen als Grundlage. Aber es gilt ja das sola-sciptura-Prinzip, nur die Schrift. Da muss erst ein „liberaler westlicher Theologe“ aus dem Land der Reformation kommen, um etwas anderes ergänzendes zu vermitteln…

Gerade betreue ich eine Abschlussarbeit zum Thema „Priestertum aller Gläubigen in einem bestimmten Kirchenkreis“. Dadurch erfahre ich viel, wie hier Glaube gelebt wird, vor allem auch traditioneller Glaube oder was dafürgehalten wird. Der „Diplomand“ verbindet mit dem Begriff „Priestertum“ allerdings viel mehr als ich. Ich weiß noch nicht, was aus der Arbeit wird, aber für mich ist sie nach 3 Wochen Betreuungszeit schon richtig spannend. Hier wird mit dem Begriff „Priester“ zuerst einmal „Erwählung“ verbunden. Für mich ein naheliegender, aber irgendwie auch überraschender Gedanke.

Neben dem Predigtkurs und dem Kurs „Heiliger Geist“, muss ich noch Kirchengeschichte (Reformationszeitalter) und Theologie des Neuen Testaments unterrichten. Luther ist hier ein Glaubensheld, die Debatte um antijüdische oder antisemitische Gedanken Luthers, wie sie in Deutschland geführt wird/wurde, spielt hier keine Rolle. Die deutschen Debatten um eine „new perspective on Paul“ oder den Sühnetod Jesu, stehen auch nicht in meinem Kursplan. Ersteres scheint mir zu westeuropäisch und Zweiteres wird hier nicht hinterfragt, sondern ist eher selbstverständlich.

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Für mich ist es manchmal gar nicht so einfach, einen Kurs in fast jedem theologischen Fach zu geben. (Ursprünglich hatte ich mitgeteilt, ich wolle nur ST und NT unterrichten, aber es ist doch klar, dass ein Deutscher die Reformationszeit unterrichten muss und der Studiendekan fragte mich dann auch noch, ob ich eben die Predigtwerkstatt übernehmen könne…)  Immerhin lässt sich alles unter dem großen Titel „Interkulturelle Theologie“ verbinden. Es sind tatsächlich die verschiedenen Kulturen dieses Landes, die diese Arbeit so spannend macht.