Warten. Eine kleine kulturelle Reflexion unseres täglichen Daseins.

Vereinfacht und etwas pauschal: Deutsche warten, Niuginis genießen Gemeinschaft oder ruhen sich aus. Ich musste jetzt schon zweimal einen Tag länger in Lae verbringen als geplant, weil ich sich keine sichere Überfahrt nach Finschhafen gefunden hat. Ich warte dann auf bessere See oder etwas Sonne. Ich versuche dann das Beste aus diesen Tagen zu machen, Unerledigtes nachzuholen, ein Buch zu lesen oder mich mit Kollegen zu treffen; aber innerlich bin ich aufgewühlt und unausgeglichen, vielleicht für einige Niuginis unausstehlich.

Der Pietist Spener hoffte im 17 Jahrhundert auf „bessere Zeiten“, in der sich viele Menschen bekehren würden. In der Morgenandacht werden die Studenten hier schon auch mal damit vertröstet, dass später alles besser sein wird und wir heute alles Schwere einfach zu ertragen haben. Endzeit-Hoffnungen oder der Cago-Cult verwirren die Menschen in den Dörfern um uns herum. Eine wirkliche hübsche Halbinsel wurde vor einigen Wochen gerodet. Dort werden jetzt landende Flugzeuge und große Schiffe erwartet. Alles mehr Illusion, als Realität.

In einer Kirche wurde das Kreuz auf dem Altar gegen einen Spiegel ausgetauscht. Die Botschaft, der sich selbst Erkennende ist stark genug, aus sich selbst heraus Segen zu erhalten. Ein Kollege von uns hat in einer kurzen Reflexion gestern am Unabhängigkeitstag mahnende Worte dazu gefunden. Vieles im Land liegt im Argen und Konflikte und Kulte treten mit neuer Kraft hervor.

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Gestern stand das Land lahm. Es wird gefeiert, denn die Bewohner sind stolz. Aber viele sagen auch, die Unabhängigkeit kam 1975 zu früh: Umweltzerstörung, Bildungsmisere, Korruption, das anstehende Referendum über die Unabhängigkeit von Bougainville – Heute steht der Inselstaat vor großen Herausforderungen. Werden bessere Zeiten erwartet oder erhofft?

Früher hatte die Lutherische Kirche selber ein Schifffahrtsunternehmen. Es ist pleite gegangen. In wenigen Tagen oder Wochen soll nach Finschhafen wieder ein Passagier- und Frachtschiff der Kirche verkehren. Darauf warten nicht nur wir.MV Ialibu

Warten fällt mir manchmal schwer. Ich wäre dann gerne früher zurück bei meiner Familie in Logaweng. Ich würde gerne Bücher aus Deutschland schon in den Händen halten. Ich bin nicht geduldig, sondern dann zunehmend unruhiger.

Den Menschen um uns herum fällt Warten leichter. Sie leben einfach stärker in der Gegenwart. Sie definieren sich anders und kommen so besser in dieser mir langsam erscheinenden Gesellschaft zu recht. Ich glaube, es gibt auch weniger Bluthochdruck und Schlaganfälle.

Bei der letzten 4stündigen Überfahrt habe ich springende Fische und drei kleine Delphingruppen gesehen, so viele wie noch nie zuvor. Ich warte auf die Ankunft und plötzlich bin ich ganz im Moment, bei Gottes wunderbarer Schöpfung. Ich bin in der Gegenwart, die Unterbrechung des Wartens auf die Ankunft.

Keine drei Monate mehr und wieder schließen fast 20 Männer ihr Studium hier ab. Unsere Waspapa-Grup (studentlscher Hauskreis) will 2 Tage auf der Tami-Insel übernachten und sammeln jetzt schon Geld für die Überfahrt und das Essen. Erwartungen, Planungen, Organisation sind Teil des Seminaralltags. Ohne den Blick in die Zukunft funktioniert eine solche Einrichtung nicht. Und große Ereignisse werden auch mit viel Vorfreude erwartet. Vor einigen Tagen wurde zu einem Festtag eine Kuh geschlachtet, Fleisch für alle.

Vorfreude, Hoffnung, Geduld, Illusionen und Träume; das alles und noch viel mehr verbinde ich mit Warten.

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Bekennen– Becks – Bewegung. Workshop zum Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers (1906-1945) in Baguio-City, Philippinen

Ich bin letzte Woche auf einer langen Reise aufgebrochen: Wie immer, erst einmal mit dem Speed-Boot von Finschhafen nach Lae. Dort musste ich mich endgültig von unserem Volunteer Eric verabschieden. Er ist jetzt schon wieder in Bremen gelandet. Von Lae ging es zwei Tage später weiter mit Flugzeug über Port Moresby nach Manila. In Port Moresby war Zeit, um mit einem Kollegen gemütlich zu speisen. Wir wurden uns einig, dass diese Stadt nicht mehr mit anderen Orten des Landes vergleichbar ist. Besonders jetzt schon recht kurz vor dem APEC-Treffen wird die Stadt herausgeputzt: Keine Schlaglöcher, wenig Müll, viele Hotels und Restaurants und ebenso viele Baustellen. Der Wohlstand dieses Ortes führt aber zur Vernachlässigung der anderen Landesteile.

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(APEC steht für Asia-Pacific Economic Cooperation. Viele Staatspräsidenten kommen zu mehreren Vortreffen und der eigentlichen Versammlung im November in unseren Inselstaat. Dieses internationale Ereignis dominiert dieses Jahr die Nachrichten, selbst im ländlichen abgelegenem Finschhafen wird darüber diskutiert.)

In Manila wurde ich von einem Pfarrer der lutherischen Partnerkirche vom Flughafen abgeholt. Dank des Unwetters waren allerdings die Straßen frei und wir waren erstaunlich schnell im Lutheran Center, wo auch der Präsident der Kirche wohnt. (Hier bezeichnen sie den Bischof als Präsidenten und einfache Dozenten wie mich als Professoren.) Ich übernachtete großzügiger Weise im Hause des Präsidenten, obwohl dieser dienstlich unterwegs war. Während dessen wollte Facebook ständig wissen, ob ich wegen Überschwemmungen in Sicherheit sei. Sie müssen sich wirklich Sorgen gemacht haben!

Mit dem Bus ging es am folgenden Tag weiter nach Baguio-City. Auch hier ist Dauerregen! Der Schwanz eines Taifuns lässt mich die Monsunzeit spüren. Das Wasser geht durch die Wände des Hauses meines deutschen Kollegen, Alois Schwarz. Alles ist nass, aber Rosinenbrot, Becks, gute Gespräche und vor allem Bonhoeffer ließen mich dieses Wetter überstehen.

Vormittags hielt ich Vorträge, lies Ausschnitte aus „Nachfolge“, „Widerstand und Ergebung“ und anderen Werken lesen und wir besprachen Ergebnisse der Kleingruppen. Immer wieder kam die Frage auf, ob denn Bonhoeffer ein lutherischer Theologe sei; für die Kirche und das Seminar hier eine entscheidende Frage. Nachmittags trafen wir in dem nassen Haus einheimische Kollegen zum Kaffee. Der Seminarleiter lud mich noch einmal in ein Restaurant ein. Dabei trug seine Frau das von mir geschenkte Bilum.

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Geehrt wurde ich auch von dem Besuch von Marianne-Sonja Kieper. Sie ist gemeinsam mit ihrem Mann von commundo, einem Schweizer Entwicklungswerk, in die Philippinen entsandt worden. Gemeinsam waren wir 2016 auf einem Vorbereitungsseminar in Luzern. Die Welt ist manchmal wirklich klein.

Ich habe den Austausch mit ihr, den Kollegen und Studenten und meinem Gastgeber Alois sehr genossen. Auf Facebook finden sich jetzt unheimlich viele Fotos. Wir unterhielten uns über Luthertum im Pazifik und in Amerika, weil es hier auch ein amerikanischer Gastdozent unterrichtet. Ein anderes großes Thema war klinische-seelsorge Ausbildung, weil der erste philippinische Pastor gerade darin zum Supervisor ausgebildet wird. Ich meine, dies ist alles gut und spannend, aber nächstes Jahr sollen erst einmal andere in Bewegung setzen. Philippinos und Nuiginis können ihre Partnerschaft zwischen den Kirchen im Pazifik selber weiter intensivieren. Auch das habe ich versucht zu kommunizieren.

Für Bonhoeffer waren die Reisen, besonders während seiner Zeit als „Doppelter-Agent“ der Abwehr, so kompliziert und brauchten unheimlich viel Vorbereitung. Und jetzt können wir die ganze Welt einfach erkunden. Möge dies trotz des ganzen Nationalismus aller Dutertes, Trumps, Erdogans und … (Liste kann nach Belieben fortgesetzt werden!) so bleiben! Reisen, Austausch und (gute) Theologie fördern das Miteinander und bauen Grenzen ab

Die Bayrische Landeskirche hat 2016 die Barmer Theologische Erklärung von 1934 in seine Verfassung verankert und damit ihr Verhältnis zum Staat und Führerkult neu bestimmt. (Auch das war die letzten vier Tage ein großes Thema.) Christus ist das eine Wort Gottes, wird dort bekannt. Dieses Wort hat Kraft. Da können Präsidenten weiter schimpfen, Tweets verschicken oder Gott als dumm beschimpfen. Das macht keinen Unterschied, wir lassen uns von Christus führen.

 

Ich grüße ganz herzlich kurz vor der Abreise aus Baguio-City,

Ihr / Euer Knut John Cramer

Kommen und Gehen. Ein Update zum Semesterbeginn aus Logaweng.

Dank Lea, unser nicht mehr ganz so neuen Hausangestellten und 2 Frauen der Studenten sind unsere Kinder gut versorgt. Der Alltag ist eingespielt. Die Regenzeit ist viel weniger heftig als letztes Jahr. So können wir uns gut unseren Aufgaben widmen. Nach der ersten Woche des 2 Semesters sind wir wieder mitten im Alltag. IMG_20180725_082150

Den Kurs „Johannesevangelium“ gebe ich jetzt schon zum dritten Mal, einen Workshop „Predigtlehre“ zum zweiten Mal. Das erleichtert manches.Allerdings wurden uns auch so viele Wochenstunden zugeteilt, wie noch nie vorher. Studenten kommen zu uns, um uns ihre Vorüberlegungen zu Predigten und die eigentlichen Manuskripte zu zeigen. Ich sitze gerne mit ihnen zusammen, besonders weil die Frucht der Besprechung häufig schnell zu sehen ist. Die Arbeit macht also weiterhin Spaß.IMG_20180718_110759

Gerade nutze ich fast jede freie Minute, um einen „Workshop“ vorzubereiten. Am 12.08. werde ich in die Philippinen fliegen, um am lutherischen Seminar in Baguio mit Studenten und Pfarrern über Dietrich Bonhoeffer nachzudenken. Ich bin gespannt eine weitere Partnerkirche der Bayrischen Landeskirche und der lutherischen Kirche von Papua-Neuguinea kennenzulernen. Ich weiß nicht, ob ich richtig in der Annahme liege, dass besonders der politische Bonhoeffer den Christen dort inspirieren könnte.

Die Partnerschaft zwischen uns hier und dem Dekanat Castell ist gerade mit Leben gefüllt worden. Zwei Ehefrauen von Kollegen, ein Vikar und ein Kollege sind gerade wieder in Lae angekommen. Uns wurden immer wieder Fotos geschickt: am Grab von Johann Flierl, im Freizeitpark Geiselwind, vor der Wartburg oder in Erfurt in der Straßenbahn. Sie müssen wirklich viel gesehen haben. Wir haben hier in jedem Sonntagsgottesdienst für die vier gebetet und letzten Sonntag besonders der Partnerschaft gedacht. Neben der persönlichen Begegnung jetzt, sind beide Seiten im Gebet mit einander verbunden.

Des Weiteren übernimmt das Dekanat Castell jährlich die Schulgebühren für die Kinder der Dozierenden und der Studenten. Das erleichtert vieles. Ich denke, sonst könnten einige hier nicht studieren, denn die Gebühren für unser Seminar und Schulgebühren für die Kinder aufzubringen, wäre für sie einfach zu viel.

Witzig ist, dass es eigentlich keine Schulgebühren mehr gibt. Der Staat hat sie vor einigen Jahren verboten, aber er stattet die Schulen so schlecht aus und es kommt so wenig Geld an, sodass eigentlich alle Schulen eine Gebühr für Projekte, Schulmaterial oder ähnlich eingeführt haben. Diese steigen jedes Jahr. Schließlich wird das Leben wird auch nicht günstiger.

Mit dem neuen Semester ist Hans-Joachim, alias Jomie Wild, dessen Geburtstag wir vorgestern ein wenig gefeiert haben, wieder ans Seminar gereist. Er ist pensionierter Englisch-, Geschichts- und Religionslehrer und hat schon früher rund 10 Jahre in PNG gelebt. Nun wirkt er zum zweiten Mal als Senior-Expert.IMG-20180723-WA0000

Unserer Freiwilliger Eric dagegen wird uns schon bald wieder verlassen. Sein kritischer Geist wird mir fehlen. Weiterhin ist er mir eine große Unterstützung beim Einkaufen und Verkaufen von Schreibmaterial und Büchern. Mit viel Geschäftssinn und auch einer sozialen Ader hat er unseren kleinen Laden zu neuer Blüte verholfen. Mal sehen, wo und wie sich sein Nachfolger einbringen wird. Nur ca. 2 Wochen später wird wieder ein Freiwilliger der Nordkirche anreisen.

In Butaweng am 4km entfernten Krankenhaus ist jetzt eine neue Ärztefamilie nach ihrer Orientierungszeit „angekommen“. Mit ihren zwei Kinder spielen Nora und Jaron gerne. Wichtig ist aber vor allem, dass jemand zum Spielen da ist. Welche Hautfarbe er hat, spielt keine Rolle. Auch zu zweit können sie immer besser spielen und jetzt kann man ja auch noch zum Jomie rübergehen. Dort gibt es Eis oder andere Süßigkeiten.

Uns vieren ist also wirklich nicht langweilig. Im Gegenteil, interessante Menschen kommen und gehen.

Buai in Plastik

…nun bin es einmal wieder ich (Anne) die sich auf unserem Blog bei euch/Ihnen meldet.

Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich auf dem „Rustys Market“ in Cairns die PNG- Fraktion mit Meriblauses, Bilums, und natürlich Buai und Daka gesehen habe. Dabei stach ein kleines Detail ins Ausge: In PNG kauft man das Ganze wie es ist. Die Buai wechselt von einer in die andere Hand. Hier in Australien wechselt die Buai gut verpackt in einer Plastiktüte den Besitzer.IMG_20180706_110444

In Logaweng sind gerade zwei Wochen Semesterferien und wir machen als Familie Urlaub in Cairns. Und es gefällt uns hier sehr gut! Die lutherische Kirche unterhält ziemlich im Zentrum Cairns eine sogenannte „Missionary- Flat“ die wir recht preiswert für zehn Tage bewohnen können. Wir flanieren an der „Esplanade“, baden in der „Lagune“, besuchen das Aquarium und machen was man sonst so als Tourist in Cairns machen kann. IMG_0530Zum Beispiel eine Gondelfahrt von Kuranda ausgehend über den australischen Regenwald. Sehr teuer, sehr touristisch, aber auch beeindruckend und…schön! Die Kinder sind gut drauf und freuen sich an ihren Eltern und wir uns an ihnen.IMG_0352IMG_0520

Ob Nora es auch etwas eigenartig findet „westliche“ Kleidung zu tragen und überall viel Haut zu sehen? Und ob ihr auch auffällt, dass wir hier in zwei Tagen so viel Müll produzieren wie in Logaweng in zwei Wochen? Letzteres finde ich zumindest wirklich bedenkenswert. Und das alles mit dem freundlichen Hinweis „..Help us protect the environment…“. Man denke hier am Ausgangspunkt für unzählige Touren ans Great Barrier Rief an den Plastikmüll in unseren Meeren.

Letztes Jahr in den Semesterferien hatten wir gefüht (oder echt?) mindestens einen Monat Dauerregen hinter uns und wären dieser klimatischen Herausforderung gerne einmal entflohen. Dieses Jahr war es etwas anders. Regen und Sonne wechselten sich bis jetzt immer schön ab und auch sonst fühlen wir uns in Logaweng gerade sehr wohl. Ein bisschen „rauskommen“ schadete aber trotzdem nicht.

Als wir vergangenes Jahr Weihnachten in Deutschland waren, wurde ich gefragt, ob ich hier meinen Glauben manchmal anders erlebe. Damals sagte ich, dass dies eigentlich nicht der Fall ist. Inzwischen denke ich doch, dass das manchmal so ist. Unser Weg nach Cairns zum Beispiel… Am Freitag wollten wir nach Lae aufbrechen.  Da fährt eigentlich das sogenannte SDA-Boot, das etwas größer und komfortabler ist, als die sonst üblichen Bananenboote. Außerdem hat es ein Dach! Das ist schon sehr hilfreich bei viel Sonne oder viel Regen. Insgesamt ist das Meer um diese Zeit ja eher unruhig. Nun fuhr dieses Boot am Freitag nicht. Am Donnerstag waren bereits einige Studenten in ihre Dörfer aufgebrochen und das bei nicht gerade günstigen Wetterbedingungen. Da ist so eine Überfahrt wirklich kein Spaß, um genau zu sein, sie kann ziemlich gefährlich werden. Da habe ich am Donnerstag schon gebetet: „Lieber Gott, lass das Wetter morgen mitspielen.“ Wir hatten dann am Freitag wieder einmal eine echte Bilderbuch-Überfahrt die ich sogar genießen konnte. Bisher hatte ich bei keiner der Überfahrten mit den Kindern Angst. Aber ich möchte auch nicht in die Situation kommen, diese Angst haben zu müssen. Im Zweifelsfall müssten wir kurzerhand so eine geplante Überfahrt eben platzen lassen. Das ist aber auch leichter gesagt als getan, wenn man auf gepackten Koffern sitzt und ja auch nicht weiß, wie das Wetter am nächsten Tag dann ist. Wie gesagt, bisher hatten wir immer Glück – oder göttlichen Beistand. Für den Satz mancher Studenten uns könne ja nichts passieren, schließlich seien wir alle im Auftrag des Herrn unterwegs, kann ich mir nicht so einfach erwärmen. Vielleicht haben sie solchen „Galgenhumor“ aber auch einfach nötiger. Ihre Kinder besitzen keine Schwimmwesten – ganz im Gegensatz zu unseren…

Wie gesagt, gerade genießen wir den „westlichen Lifestyle“, wir genießen ihn wirklich! Oh, was für ein Unterschied es ist, im Flughafen in Lae oder in Cairns eine öffentliche Toilette aufzusuchen! Aber wir freuen uns auch auf das zweite Semester am Seminar in Finschhafen.

Wir haben beide gestaunt wie mutig Nora hier in Cairns auf dem wirklich sehr toll angelegten Spielplatz herum geklettert ist. Sie ist wirklich sehr geschickt geworden! Offenbar hat sie am Frangipani-Baum in unserem Garten ordentlich geübt. Heute beim Abendessen hörten wir der Satz „meine Freunde in Logaweng…“ aus Noras Mund. Welche Freude! Aber auch, dass sie das nächste Mal wieder zu Oma und Opa in den Urlaub fliegen will. Überhaupt redet unsere Nora gerne und viel, mit ihrem Bruder vorzugsweise auf Tok Pisin. Jaron, dessen zweiten Geburtstag wir hier gerade gefeiert haben, bevorzugt ebenfalls Tok Pisin. Aber auch er wird wohl irgendwann auch Deutsch sprechen, was er von sich gibt klingt auf jeden Fall schon ganz vielversprechend.

Ich habe im letzten halben Jahr viele schöne und gute Erfahrungen in PNG gemacht! Und vieles ist und bleibt natürlich auch zumindest herausfordernd. Ich möchte gerne mehr davon berichten, aber gerade bin ich im Urlaub…

Mehr in weniger Zeit.

Ich könnte von einsetzenden Starkregenfällen, von einem fast 14-tägigen Stromausfall oder von Gewalttaten im Nachbardorf schreiben, aber das ist nur frustrierend. Stattdessen möchte ich einmal einige Worte zum Unterricht und dem neuen Curriculum loswerden. Dabei schreibe ich, wie in einem Blog üblich, subjektiv und wertend.

Wen bilden wir wofür aus? Ob sich darüber die ELC-PNG 2016 und in den Jahren davor viele Gedanken gemacht hat, wüsste ich gerne. Damals wurde das neue Curriculum für die drei theologischen Seminare der Kirche beschlossen. Unser Seminar in Logaweng hat es letztes Jahr nach dem Synodenbeschluss der Kirche pflichtbewusst eingeführt. Anne und ich waren zum Zeitpunkt, als dieser Beschluss gefällt wurde, noch nicht hier. Diese Entscheidung betrifft allerdings unsere tägliche Arbeit.

Offiziell werden nun 2 Jahrgänge auf Englisch unterrichtet. Da allerdings weder die Englisch­kenntnisse der Studierenden noch der Lehrkräfte (mich eingeschlossen) durchgängig zufriedenstellend sind, lesen wir zwar englische Texte, allerdings ist Unterrichtssprache weiterhin „Tok Pisin“. Auch auf der Straße würde ich schließlich nie einen der Studenten auf Englisch ansprechen. Ferner mag ich das bildhafte Pidgin, auch darum bleibe ich dabei.

Das neue Curriculum brachte es mit sich, dass viele neue Kurse erteilt werden müssen, u. a. Sprachkurse. Ich unterrichte nun tatsächlich 4 Stunden Griechisch und dekliniere und konjugiere mit den Studenten. Die Studenten steigen in eine neue Denkwelt ein. Ich und zumindest ein weiter Student haben Spaß an Grammatik und der Analyse von immer länger werden Sätzen.

Die Kursbücher dafür habe ich übrigens mit „bayrischen“ Gelder erworben, über so etwas hat sich die Kirche im Vorfeld keine Gedanken gemacht.

Passend zum Griechisch-Kurs erteile ich nun auch den Kurs „Umwelt und Zeitgeschichte des Neuen Testaments“. Über die erste Christenverfolgung, Hellenismus oder die Tempelzerstörung im Jahre 70 sollten die Studenten jetzt bescheid wissen. Diesen Kurs halte ich für sehr gewinnbringend. Ohne Einblick in die historischen Umstände ist das NT in meinen Augen weniger gut zu verstehen.

Aber ob die Studenten Griechisch können sollten, da bin ich, obwohl ich es selbst unterrichte, unsicher. Eigentlich ist die Idee doch, Pastoren auszubilden, die anschließend an entlegenen Orten Menschen begleiten. Da sind doch praxisorientierte Kurse sinnvoller: Seelsorge, Religions­unterricht, Gemeindeleitung, etc.

IMG_20180429_110425Das neue Curriculum sieht allerdings weniger praktische Kurse vor, weniger klassische Dogmatik und deutlich weniger Kirchengeschichte. Es ist nur noch die junge Kirchengeschichte in Papua-Neuguinea und die Reformationsgeschichte im Blick. Dafür wird Wert auf interkulturelle Theologie gelegt, es sollen beide klassischen Sprachen eingeführt werden und die Ausbildung wurde auch um ein Jahr verkürzt. Vorher dauerte die Ausbildung fünf Jahre, nun sind es eben nur noch vier. Die Kirche will zu viel, in zu kurzer Zeit!

In meinen Augen hat man übers Ziel hinausgeschossen. Ich lasse mich gerne begeistern, Theologie interkulturell zu betreiben. Aber ebenso wichtig ist doch auch ein gewisses Grundwissen. Es scheint mir ebenso wichtig zu sein, erklären zu können, in welcher Zeit und unter welchen Umständen Luther was behauptet und durchdacht hat. Dafür brauche ich auch einen Blick in Mittelalter.

Häufig werden die lutherischen „Säulen“, wie man hier sagt: sola gratia, sola scriptura, sola fide und solus Christus als Glaubensbekenntnis herausgerufen, aber die Bedeutung ist vielen nicht klar; vielleicht noch nicht einmal, welche Sprache ich spreche, wenn ich diese Fachtermini verwende.

Eigentlich müssten nun nächstes Jahr 2 Jahrgänge gleichzeitig ins Vikariat gehen, aber es scheint, als ob wir darauf noch nicht eingestellt sind. Wochenendpraktika als Vorbereitung aufs Vikariat absolviert jetzt erstmal nur ein Jahrgang. Mal sehen, was nächstes Jahr passiert.

Nächstes Semester soll eben nun auch Hebräisch unterrichtet werden. Anne und ich haben beide gesagt, dass wir dazu nicht in der Lage sind. So wird diese Sprache wohl nicht erteilt. Klar, sollte es einige wirklich gut ausgebildete Theologen mit hohen Abschlüssen geben. Aber Hebräisch hilft den Menschen im „Busch“, wo keine Straße hinführt, kein Stromleitung verlegt wurde, wo Wasser aus einem Bach getrunken wird, kein Krankenhaus in der Nähe ist und die Schulbildung keine hohe Priorität hat, nicht. Dort braucht es Pastoren, die Hoffnung vermitteln und Frieden schlichten. Es ist wichtig, dass das Evangelium in einfachen Worten übermittelt wird. Kommunikationsfähigkeiten sind in meinen Augen wichtiger als alte Sprachen. Die haben auch ihren Platz, aber nicht an diesem Seminar. Alles ist nicht möglich, besonders nicht, wenn die Zeit dafür noch gekürzt werden soll.

Die Unruhe bezüglich der weiteren Umsetzung des neuen Lehrplans wächst langsam, Gespräche mit der Kirchenleitung werden geführt, aber bisher scheint wenig Unterstützung von dort zu kommen. Vielleicht ist diese auch überfordert, weil einige, die alles ins Laufen gebracht haben, verstorben oder erkrankt sind. Aber es muss etwas geschehen: Das erste Semester geht noch 4 Wochen. Schaffen wir dann wieder unsere eigene Umsetzung des Lehrplans mit allen Unsicherheiten? Ich bin sehr gespannt und begleite den Prozess gerne konstruktiv kritisch mit.

Unterschiedliche Perspektiven

Mit einem Speedboot sind wir vor nun mehr gut zwei Wochen nach Lae gefahren: Wir vier haben richtig darauf gefreut während der Unterrichtspause unsere Übersee-Kollegen zu treffen. Ich bin von Lae noch weiter mit den Kollegen auf unsere jährliche Männerfreizeit aufgebrochen.

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PNG Forest schlägt Holz und verarbeitet es, Wafi-Golpu will im großen Stil Gold abbauen. Beide sind international vernetzt und präsentieren sich als sozial engagiert und umweltbewusst. Auf der Männerfreizeit haben wir uns mit Mitarbeitern von beiden Firmen unterhalten und von PNG Forest auch eine Betriebsführung bekommen. Nach beiden Begegnungen waren unsere Bedenken groß, in wie weit Wort und Tat zusammen-passen.

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Auf der anderen Seite haben wir erlebt, wie in einem kleinen Dorf Gold mit ganz einfachen Mitteln (Schaufel, Schubkarre, Flusswasser und Quecksilber) abgebaut wird. In unserem Nachbardorf Sokaneng werden große Urwaldbäume mit einer Kettensäge gefällt und nur damit weiterverarbeitet.

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Es fehlt eine einflussreiche Regierung und eine wirksame Verwaltung, die die Schätze des Landes für viele gerecht und nachhaltig nutzbar macht.

In Bundun (ca. 1 ½ Stunden von Lae entfernt gelegen) haben wir am vorletzten Wochenende fünf spannende Tage verbracht. Früher gab es dort eine Bibelschule, heute wird von einem Konferenzzentrum gesprochen, aber es kommen nur wenig Gäste. Nach dem der letzte Missionar gegangen ist, wurde vieles nicht so erhalten, wie der es sich wahrscheinlich gewünscht hätte. Das Zentrum wurde allerdings soweit hergerichtet, dass wir fließendes Wasser, frisch bezogene Betten und auch durchgängig Strom hatten.

Einige haben vorher in Lae kräftig eingekauft, sodass wir vorzüglich speisten: Teilweise haben wir selbst gekocht, teilweise auch kochen lassen. Es war aber nicht das Essen, Sport oder kleinere Trips in die Natur, sondern es waren vor allem die Begegnungen mit den anderen Missionaren, die die Zeit zu einer besonderen gemacht haben: Austausch und Entspannung statt Arbeit und gewisse Anspannungen.

Zusammen mit zwei neuen Familien sind wir zurück nach Finschhafen gefahren. Ein neues Ärzteehepaar beginnt ihren Dienst im 4km entfernten Krankenhaus in Butaweng, ein weiterer junger Arzt ist mit seiner Frau gerade noch zur Einarbeitung hier, wird aber bald an ein anderes Krankenhaus bei Wasu umziehen. Beide Familien haben kleinere Kinder, mit denen Nora und Jaron gerne spielen.

Ansonsten hat uns der Alltag wieder: Unterricht, Gottesdienste und Andachten, Buchladen und auch die sogenannte waspapa-grup hat begonnen. Neun Studenten teilweise mit ihren Frauen und Kindern sind uns zugeteilt, für die wir Ansprechpartner sein sollen. Unsere erste Gruppe im letzten Jahr ist uns schon sehr ans Herz gewachsen. Mit der neuen Gruppe hatten wir erst ein erstes Treffen, um einander besser kennen zu lernen.

Gerade schreiben einige Studenten kleinere Aufsätze. Ich bin mit ihnen in unserer überschaubaren Bibliothek und will ihnen erklären, wie man Literatur findet, richtig zitiert und ein Literaturverzeichnis anlegt. Dass ist vielleicht nicht entscheidend, um später als Pfarrer irgendwo tief im Regenwald zu wirken. Ich habe aber die Hoffnung, dass doch einige wenige ihr Studium am Martin-Luther-Seminar in Lae fortsetzen und dort ihren Bachelor erwerben. Die Kompetenzen und Begabungen der Studenten sind sehr unterschiedlich: Einige erlernen z. B. mit Leichtigkeit griechische Vokabeln und durchschauen die Grammatik dieser Sprache und andere können auch nach mehrfachen Wiederholen einfachste Sachverhalte nicht wiedergeben. Ob es sinnvoll ist, Griechisch zu unterrichten, wie es der neue Lehrplan seit diesem Jahr vorsieht?

Neben dem Niveau ist auch noch die Prägung so anders als wir sie erfahren haben: Allversöhnung, eine Gewichtung von biblischen Aussagen oder Verständnis für den Beschluss der Segnung von homosexueller Paare sind den meisten Studenten wirklich fremd. Ersteres habe ich in dem Kurs „Eschatologie“ intensiv diskutiert. Die Studenten meinten, mein Unterricht würde am meisten Gespräche unter ihnen auslösen…

Auf jeden Fall bringen Anne und ich eine andere Perspektive hierher.