Von Schenken, Teilen und Geben

Die letzten beiden Wochenenden habe ich wertvolle Erfahrungen gesammelt. Zweimal gab es die Gelegenheit, Nachbardörfer kennenzulernen.

Mit 4 Studenten, einer Frau eines Studenten und deren 3 Kindern haben wir vier am Sonntag, den 06. August Gottesdienst in Salawa gefeiert. Der Ort liegt ca. 1 Stunde Fußweg entfernt.

IMG_20170814_211320 Eigentlich könnte man auch gut mit dem Auto dorthin fahren, eine kaputte Brücke macht dies aber gerade unmöglich. Wir haben den Fußmarsch genossen, auch weil die Studenten es sich nicht haben nehmen lassen, unsere Kindern zu tragen.

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Wir wurden in Salawa mit großer Dankbarkeit und Freude empfangen. Der Begriff der Mission ist hier sehr positiv besetzt. Es war etwas Besonderes, dass wieder eine Missionarsfamilie sich zu ihnen aufgemacht hat.

Letzten Freitag bis Sonntag habe ich einen Studenten zu einem Wochenendpraktikum begleitet. 60 Minuten Autofahrt und fast 3 Stunden Fußmarsch haben wir zurückgelegt, um in Mange anzukommen. Bei einem Kirchenvorsteher habe ich in einem Ein-Mann-Zelt geschlafen. Der Student und ich wurden mit Essen von ihm und vielen anderen aus dem Dorf überhäuft: Frischer Fisch, Wurzelgemüse aller Art, Kochbananen und grünes Blattgemüse sowie gerade geschlachtetes Hühnchen wurden uns serviert. Ich habe für Anne 6 Bilums, traditionelle selbst gemachte Taschen und anderen Schmuck, geschenkt bekommen. Mir wurde so viel Ehre und Dankbarkeit entgegen­gebracht, dass es mir fast unangenehm war. Sie haben es nicht als Selbstverständlichkeit gesehen, dass sich ein Missionar aus Deutschland, dem Land von Martin Luther und Johann Flierl, zu ihnen aufmacht.

IMG_20170814_211024Für mich waren beide „Buschtrips“ eine wertvolle Erfahrung, weil sie mir mehr Einblick ins Leben der Menschen hier gebracht haben:

  • Manches könnte einem auch in Deutschland passieren: Der Pastor ist für Mange, wo er wohnt, und dem Nachbarort zuständig. Einige Bewohner des Nachbarortes sind unzufrieden, dass er dort nicht präsent genug ist.
  • Allerdings liegen zwischen den Orten 90 Minuten Fußweg. In Deutschland hätte der Pastor oder Pfarrer, wie man in Bayern sagt, ein Auto. Hier bekommt er noch nicht mal ein festes Gehalt. Mit seinem Haus, einem großen Garten und vielen Aufwandsentschädigungen ist er allerdings bessergestellt als viele Kollegen.
  • Mit einem Vorschulkind konnte ich mich nicht über die Sprache verständigen. Es konnte nur die Dorfsprache Jabim und kein Englisch oder Tok Pidgin.
  • Ein Wasserrohr ausgehend von einem Bach und eine Regentonne reichen völlig zum Duschen.
  • Die Familienbande, die Dorfgemeinschaft und die Sprachgruppe ist traditionell stark. Entscheidungen treffen nicht die einzelnen, sondern die Gemeinschaft. Mange hat zusammen entschieden, dass andere Kirchen außer der lutherischen sich in dem Ort nicht ansiedeln dürfen.
  • Privatsphäre ist ein Fremdwort. Alles wird geteilt. Manchmal hätte ich mir einen Rückzugsort gewünscht.
  • Toiletten bringt man am besten übers Meer an, dass Meer spült einfach alles weg.IMG_20170814_211115
  • Der Klimawandel trifft auch hier die Menschen. Anscheinend war der Nachbarort das letzte Jahr das erste Mal in seiner Geschichte überspült. 2 Häuser sind zusammengebrochen.

Auf dem Rückweg wurden wir von vielen Dorfbewohnern noch begleitet, weil es viel zu schleppen gab. Nicht nur die erwähnten Geschenke für mich, sondern auch zahlreiche Gartenfrüchte. Das Dorf fühlt sich mit dem Seminar und den Studenten verbunden und hat für alle viel mitgegeben. Gerade ist Regenzeit. Die kleinen Felder der Studenten tragen darum nicht gut genug. Da ist diese Art der Spende eine große Hilfe.

Gestern konnte durch eine anonyme Spende den 68 Studenten, teilweise plus Frauen und Kindern, zusätzlich mit 700 Kg Reis und vielen Nudeln geholfen werden. Mit hat es richtig Spaß gemacht, diesen Einkauf zu erledigen, besonders weil der Ladenbesitzer uns noch 100 kg Reis draufgelegt hat. Vorher hatte ich einen recht kleinen Rabatt aushandelt, wahrscheinlich völlig entgegen der Kultur. Ich hatte innerlich schon mein Urteil gefällt. „Ohh Mann, bei der Menge hätte man auch mehr Nachlass gewähren können.“ Aber dann wurde ich eines anderen belehrt, als bewusst 10 Säcke mit 10Kilo Reis mehr in unser Auto geladen wurden.

Lebensgeister, Lehrpredigten und Lutherverklärung. Interkulturelle Theologie praktisch in Papua-Neuguinea. Einblicke in meinem zweiten Unterrichtsterm.

Der „Schatten“ bzw. der Geist des Menschen, Wasser- oder Berggeister und Dämonen (auf Tok Pisin: tewel, masalai na spirit nogut) beschäftigt Christen und Andersgläubige auch heute hier. Letzte Woche versuchten wir den Glauben daran mit dem Heiligen Geist in Verbindung zu bringen. Wie können wir gut und wohlbehalten leben, wenn unser Leben von so vielen Wesen um uns herum beeinflusst wird? Es scheint mir zu einfach, alle „traditionellen“ Glaubensvorstellungen als „Lügnerei“ abzutun, wie es häufig getan wird. Ich habe mir vorgenommen, nicht mit schnellen Antworten zufrieden zu sein.

Der Kurs „Heiliger Geist“ öffnet mir Einblicke in die Vorstellungen der Menschen hier. Der Heilige Geist schwebt über dem Wasser. Die Schöpfung beginnt. Der Heilige Geist überschattet Maria. Neues Leben wird geschaffen. Der Heilige Geist kommt als Taube auf Jesus herab. Ein neuer Auftrag ist geboren. Bisher hatte ich die Lehre vom Heiligen Geist nur wenig mit der Schöpfungslehre verbunden, diese Gedanken eines Studenten öffnen mir neue Denkhorizonte. Parallel lese ich tatsächlich viel in Moltmanns Werk „Der Geist des Lebens“. Beides, der Dialog mit den Studenten und mit dem großen Theologen, inspirieren mich.

Ich bin hier nicht nur Lehrer, sondern auch Lernender. Das wird mir immer klarer, besonders indem ich erkenne, wie fremd mir diese Welt ist. Alles geht langsam. Als ungeduldiger Mensch eine große Herausforderung. Niemand ist hier so getrieben wie im hektischen Europa. Die Menschen leben mit dem Tagesablauf und nehmen vieles stoisch hin: Tägliche Stromausfälle, unpassierbare Brücken, die den Weg zum Feld versperren oder die Abwesenheit von Kollegen, von ihnen selbst verschuldet oder unverschuldet. Anderseits kochen die Emotionen dann manchmal über: Das Wahlergebnis wird nicht einfach hingenommen, sondern aus Frust wird eine Polizeistation angezündet. Anhaltende Gelassenheit neben unbändiger Zerstörungswut, beides passt in meinen Augen nicht zusammen. Die Menschen hier denken und handeln einfach anders. Das wirkt sich auch auf die Theologie aus. Die Studenten denken eher synthetisch, sodass sie z. B. weniger Probleme mit der Trinitätslehre haben als wir. 1+1+1 kann durchaus mal 1 sein.

Die Menschen sprechen auch anders. Predigten gleichen häufig dogmatische Lehrvorträgen. Ich wurde eingeteilt, einen Predigtworkshop zu halten, dabei sollen Erfahrungen aus dem vergangenen Vikariatsjahr reflektiert werden. Gut, dass mein eigenes Vikariat und die Wochen im Predigerseminar noch nicht ewig her sind. Ich versuche jetzt meinen Studenten mitzugeben, dass es eine gute Predigtintention braucht und dass man Lehre auch in Bildern und Geschichten weitergeben kann. Ich hatte gelesen, dass in dieser oralen Kultur viele emotional erzählen können. Ist das verschüttet gegangen, weil durch die erste Mission Katechismuspredigten im Vordergrund standen? Ich muss Emotionen bei den Studenten manchmal fast hervorkitzeln. Eins muss man den Studenten aber lassen: Sie predigen fast alle frei, in Deutschland eher ungewöhnlich.

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Sogar im letzten Studienjahr war den Studenten das homiletische Dreieck (Hörer – Text – Prediger/Ich) bisher neu. Wichtig war ihnen vor allem, dass die Hauptaussage des Bibeltextes erkannt wird und der gepredigt wird. Gar nicht so einfach bei häufig ca. 20 Versen als Grundlage. Aber es gilt ja das sola-sciptura-Prinzip, nur die Schrift. Da muss erst ein „liberaler westlicher Theologe“ aus dem Land der Reformation kommen, um etwas anderes ergänzendes zu vermitteln…

Gerade betreue ich eine Abschlussarbeit zum Thema „Priestertum aller Gläubigen in einem bestimmten Kirchenkreis“. Dadurch erfahre ich viel, wie hier Glaube gelebt wird, vor allem auch traditioneller Glaube oder was dafürgehalten wird. Der „Diplomand“ verbindet mit dem Begriff „Priestertum“ allerdings viel mehr als ich. Ich weiß noch nicht, was aus der Arbeit wird, aber für mich ist sie nach 3 Wochen Betreuungszeit schon richtig spannend. Hier wird mit dem Begriff „Priester“ zuerst einmal „Erwählung“ verbunden. Für mich ein naheliegender, aber irgendwie auch überraschender Gedanke.

Neben dem Predigtkurs und dem Kurs „Heiliger Geist“, muss ich noch Kirchengeschichte (Reformationszeitalter) und Theologie des Neuen Testaments unterrichten. Luther ist hier ein Glaubensheld, die Debatte um antijüdische oder antisemitische Gedanken Luthers, wie sie in Deutschland geführt wird/wurde, spielt hier keine Rolle. Die deutschen Debatten um eine „new perspective on Paul“ oder den Sühnetod Jesu, stehen auch nicht in meinem Kursplan. Ersteres scheint mir zu westeuropäisch und Zweiteres wird hier nicht hinterfragt, sondern ist eher selbstverständlich.

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Für mich ist es manchmal gar nicht so einfach, einen Kurs in fast jedem theologischen Fach zu geben. (Ursprünglich hatte ich mitgeteilt, ich wolle nur ST und NT unterrichten, aber es ist doch klar, dass ein Deutscher die Reformationszeit unterrichten muss und der Studiendekan fragte mich dann auch noch, ob ich eben die Predigtwerkstatt übernehmen könne…)  Immerhin lässt sich alles unter dem großen Titel „Interkulturelle Theologie“ verbinden. Es sind tatsächlich die verschiedenen Kulturen dieses Landes, die diese Arbeit so spannend macht.

Wahl-Kampf

19 von 104 Wahlberechtigte durften in Logaweng wählen, alle anderen waren aus unerklärlichen Gründen nicht im Wählerverzeichnis registriert. Ähnlich sah es in den Orten um uns herum aus. Ein Unterschied bestand zwischen Logaweng und den umliegenden Orten dann doch: Das Militär musste nicht kommen, um für die nötige Sicherheit zu sorgen. Auch die Polizei war nur mit einem Einsatzwagen vor Ort. Klagen wurden hier sachlich geäußert und führten nicht zu Messerstechereien, Prügeleien oder Krawallen. Dies kommt im Hochland häufig vor. Hier in der Küste ist der Ärger über die Wahlumstände zwar groß, aber das beraubte Wahlrecht wurde auf dem Campus insgesamt stoisch hingenommen. Auch darum fühlen wir uns hier nicht bedroht.

Gerade werden die Stimmen ausgezählt, wie die Wahl selbst ein wochenlanger Prozess. Mit Spannung warten alle auf das Ergebnis. Ein Kandidat hat dem Seminar eine Kuh versprochen, Fleisch für alle. Bisher musste aber noch niemand mit dem Schlachtmesser anrücken. Ob es also ein Festessen geben wird, bleibt abzuwarten.

Noch nicht mal um die Straße hier kümmert sich, die örtliche Politik. Viele andere Straßen wurden vorher ausgebessert. Allerdings hat der anhaltende Regen der letzten Wochen viele Bemühungen schon wieder zu nichte gemacht. Hier haben nun die Studenten selber Hand angelegt. Das ist echte Knochenarbeit. Aus einem Steinbruch wird Muschelkalkstein geschlagen, zur Straße gefahren und damit die größten Furchen aufgefüllt. Unser stark motorisierter Landcruiser kömpft sich trotz Allradantriebs mit Ach und Krach den Berg nach Logaweng hinauf. Auf den Fotos sind einige bei einer Kaffeepause und die wieder “gut“ befahrbare Straße zu sehen. Auf dieser Straße werden die Kinder der Studenten täglich zur Schule gefahren.


Die Erwartungen in die Wahl sind groß. Alles, nicht nur Straßen, soll besser werden. Andere sind so enttäuscht, dass die Unabhängigkeit auch unserer Provinz gefordert wird. Die neuen 111 Abgeordneten werden das Land auch nicht aus der Krise führen. Es würde massive Hilfe aus dem Ausland gebraucht, eine Bildungsinitiative, neue Arbeitsplätze und vor allem viel guter Wille.

Wer mehr Infos zur Parlamentswahl möchte, kann noch folgenden deutsch sprachigen Presseartikel lesen:

https://www.pressreader.com/luxembourg/tageblatt-luxembourg/20170624/281543700928843

Lernfeld Lae. Laut, Langsam und Luxus

5 Tage standen uns innerhalb der Semesterferien zur Verfügung. Wir haben für 8 Wochen Lebensmittel eingekauft. Nicht wenig!

Einen neuen Nachweis über die Vekehrstauglichkeit des Autos haben wir erworben. Das geht hier auch ohne einen Blick aufs Auto. Wie auch, wenn das Auto 80km Seeweg (!) entfernt steht. Schon beantragte Führerscheine haben wir jetzt bekommen. Wir können uns glücklich schätzen, dass es gleich beim ersten Anlauf gelungen ist, unsere Übergangsführerscheine in chicke Plastikkarten umzuwandeln. 

Meine und Noras Haare wurden geschnitten. Die Frisörin war von Noras Haare ganz entzückt, aber aber offensichtlich noch nicht so viel Erfahrung mit diesem Haartyp.

Material für einen Hühnerstahl habe ich besorgt. Dann haben wir hoffentlich bald eigene Eier und müssen nicht die teuren und wenig frischen aus Gagidu essen.

Es tut gut, zwischendurch gut zu essen: Hamburger, Pizza, Lachs oder Lasange hat uns erfreut. Nora hatte Spaß in einem Hotelpool. Für einen Nachmittag haben wir diesen Luxus genossen.

Ansonsten saßen wir viel im Auto. Ein Student hatte mir empfohlen, im Stahlgroßhandel Gitter für den Stall zu kaufen. Gesagt, gedacht, getan. Ich habe einen anderen Studenten in Lae aufgesucht und mich dabei erstmal total verfahren. Der hat mich dann zum Handel geführt. Dort mussten wir durch mehrere Sicherheitskontrollen, bis wir mehrere Arten von Gitter sehen konnten. Preise konnte man uns im Lager nicht nennen, also zurück ins Büro. Dort erfuhren wir dann, dass wir gleich bezahlen müssten, aber die Ware erst morgen holen könnten. Wieder mussten wir durch alle Kontrollen und das Produkt selber aus dem Lager holen. Da man allerdings einiges mehr für einen Hühnerstahl braucht, war ich auch noch im Baumarkt. Auch dort wurde ich intensiv beraten und mehrfach kontrolliert… “Schnell geht in PNG nichts.“, wurde mein Motto für Lae.

In der Nähe des luth. Gästhauses gibt es Hühner und Hunde. Einen Jaron mit einem starken Organ hatten wir auch noch dabei. An einem Morgen wurden wir um 5.30h von Autoscheinwerfern, Huppen und Motorenlärm geweckt. 30Min brauchten unsere Nachbarn wohl zum Aufbruch und dabei musste der Motor laufen und das Licht direkt auf mein Bett scheinen. 
Letztlich waren wir froh, wieder in Logaweng zu sein. Unsere Lernstunde Lae haben wir erfolgreich hinter uns gebracht. Zumindest die To-Do-Liste besagt das. Vielleicht kann ich nächstes Mal auch noch Geduld und gute Nerven mitbringen.

Beides ist aber auch hier nötig: Einen Tag später war unser neues Haustier, ein kleines Baumkänguruh (siehe Facebook) nicht mehr da. Wir hatten es vorm Kochtopf gerettet, indem wir es einfach gekauft haben. Wir sind nicht sicher, ob es nun wieder für den Kochtopf aus dem Käfig geklaut wurde oder ob es in die Freiheit entkommen ist. Wir hatten uns gerade etwas angefreundet. Dachte ich zumindest.

Meri-Tisa, Tisa-Meri oder einfach Mama?

Wie bereits angekündigt, möchte ich (Anne) heute einmal den Alltag hier aus meiner Sicht schildern und betätige mich damit erstmals aktiv als Bloggerin…

Ich sitze im (heute einmal ziemlich passabel) aufgeräumten Wohnzimmer, die Kinder schlafen, der Abwasch ist erledigt, der Wasserfilter aufgefüllt, es läuft leise Musik. Alleine dieser Umstand macht mir deutlich, dass wir hier inzwischen wirklich angekommen sind.

In den ersten Wochen hier im Land hatte ich wahrlich keinen Sinn dafür, abends gemütlich am Computer zu sitzen und Blogartikel zu schreiben. Gründe dafür: Die Eindrücke und Erlebnisse waren doch massiv und gar nicht so einfach in Worte zu fassen. Auch die Umstellung für uns als Familie war zu bewältigen. Das permanente „Umziehen“, die neue Umgebung für die Kinder und ein Baby, das sowieso nicht gerade den Titel eines guten Schläfers verdient, haben ihr Übriges dazu getan, dass ich abends ziemlich platt war.

Nun ist er also eingekehrt, der Alltag, und damit auch ein bisschen mehr Ruhe und Kreativität. Ich genieße es, dass die Dinge, die uns umgeben, nun einen festen Platz haben. Wir schlafen in „unserem Bett“, haben „unsere Küche“, „unseren Garten“. Und auch die Kinder sind, glaube ich, glücklich, dass der Tag nun eine feste Struktur hat. Wie sieht er nun aus, der Alltag?

Morgen geht Knut um 7h aus dem Haus, um zu unterrichten, ich frühstücke dann mit den Kindern etwas später und kämpfe dann (ganz egal ob ich früher oder später aufstehe) gegen die Uhr um die Kinder und mich bis 7.45h soweit fertig zu haben, dass wir in den täglichen Morgengottesdienst gehen können. Um diese Zeit kommt auch unsere „Hausmeri“. Nach dem Lotu (Gottesdienst) bringe ich Nora in den Kindergarten, der im Wechsel von einem Teil der Mütter hier gestaltet wird, während die anderen Mütter 1 ½ Stunden selbst Unterricht haben. Nora geht da sehr gerne hin. Das freut mich, da der Kindergarten nicht mit einer deutschen Einrichtung vergleichbar ist. Die Zahl der Kinder ist größer, der Umgang etwas rauer und die Spielsachen sehr überschaubar. Nora genießt aber das Singen, überhaupt mit anderen Kindern zusammen zu sein und, ich denke, auch den gewissen Sonderstatus, den sie dort automatisch hat. Wenn ich Glück habe, schläft Jaron vormittags noch einmal. Wäsche machen, kochen, das Haus (das ja deutlich größer ist als unsere bisherigen Wohnungen) in Ordnung halten und überhaupt einmal für uns einrichten, benötigen alles seine Zeit und ist auch ein bisschen zeitintensiver als in Deutschland. Ein paar Beispiele: Eines Tages stelle ich fest, dass alle Schuhe, die aus Leder sind, total schimmeln… also alles sauber machen, in die Sonne stellen, trocken lagern…Die Stoffwindeln sind so eine Sache für sich, wenn dann aber die Solaranlage an trüben Tagen einfach nur lauwarmes Wasser produziert, heißt es eben Wasser kochen und in die Toploader-Waschmaschine füllen. Brot kann man nicht kaufen, muss man also backen, Tiefkühlspinat gibt es ebenfalls nicht, von einer Geschirrspülmaschine ganz zu schweigen. Es ist nicht so, dass mir diese Dinge wahnsinnig fehlen, aber sie verändern den Alltag einfach.

Brot backen

Es macht mir Spaß, die lokale Küche hier kennen zu lernen und mit den neuen Zutaten zu experimentieren. Ich bin auch froh überhaupt wieder Zeit zu haben, „ordentlich“ zu kochen, und nicht wie im Vikariat häufig einfach irgendwelche halbfertigen Produkte aus dem Supermarkt zusammen zu schütten und daraus in 15 Minuten irgendetwas Essbares zu produzieren. Total lecker finde ich z.B. Reis mit Kokusmilch (selbst aus geraspelter Kokusnuss gepresst) und pürierter Mango oder Papaya.

Nachmittags spiele ich mit den Kindern, bastele mit Nora, backe Kuchen für Besucher oder unsere Waspapagroup oder widme mich der Verhübschung unseres Blumengartens. Bald kommt hoffentlich noch ein Gemüsegarten hinzu, der gerade aber noch im Entstehen ist.

Ich bemühe mich auch sehr den Kontakt zu den anderen Frauen und Kindern hier zu suchen und zu pflegen. Der Morgengottesdienst ist ja so etwas wie ein morgendlicher Treffpunkt. Inzwischen kann ich ganz gut Kinder und Mütter zusammen ordnen, kenne auch schon viele Namen und lerne die Frauen immer besser kennen.

Und doch ist es nicht so einfach wirklich dazu zu gehören. Nicht nur unsere exponierte Wohnsituation am anderen Ende des Campus macht es gar nicht so leicht, sich wirklich zu treffen. Auch meine Rolle als Weiße und wohl auch als Pfarrerin, als Lehrer-Frau und als weibliche Lehrerin machen es in einer sehr durch Hierarchien geprägten Gesellschaft nicht leichter sich auf Augenhöhe zu begegnen.

Nora spieltAm ehesten treffe ich die Frauen als „Mama bilong Nora na Jaron“. Und in dieser Rolle fühle ich mich gerade auch am wohlsten. Ich genieße es wirklich einfach Mutter zu sein und noch keinen Lehrauftrag erfüllen zu müssen. Ich habe Zeit nachmittags mit den Kindern einfach mal zu den Studentenhäusern herunter zu schlendern und das eine oder andere Gespräch auf dem Weg zu führen. Ich nehme an den Meri-Fellowship-Abenden einmal die Woche Teil und ich bleibe auch mal ein bisschen länger beim Kindergarten und kann inzwischen schon ganz gut mitsingen…

Gerade bin ich ganz froh, dass der Alltag etwas ruhiger wird. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es einem hier auch manchmal etwas zu ruhig werden kann. Vielleicht bekomme ich dann auch Lust darauf, wieder zu unterrichten…

Motivierte Studenten, lebensrelevante Theologie, „Games of Thron“ und Family-Time. Mein Alltag.

Wir wurden gefragt, einmal einen ganz „normalen“ Tag zu schildern. Heute schreibe ich aus meiner Perspektive, demnächst wird Anne ihren Tag schildern.
Morgens, 6 Uhr: Der Wecker klingelt. Anne und die Kinder schlafen oder schlummern noch ein bisschen. Ich stehe auf und mache mich fertig. Alleine lese ich die Losungen und what’s up Nachrichten aus Deutschland oder auch in der Tagesschau-App. Ich genieße die Ruhe und nehme den Sonnenaufgang wahr.
7 Uhr: Der Unterricht beginnt. Die Studenten beginnen mit einem Gebet. Dann betrete ich den Unterrichtsraum. Diese Woche ist es häufig im Unterricht spannend geworden. Es ging um den Tod. Wer stirbt eigentlich, wer steht wieder auf und wer lebt weiter. Häufig wird der Menschen in Körper, Geist und Seele unterteilt. Ich habe versucht, verständlich zu machen, dass die Bibel [bzw. große Traditionsströme in ihr] ein anderen, beziehungsorientierten und ganzheitlichen Blick auf den Menschen hat. Vor allem der Menschen in seiner Beziehung zu Gott wird ewig leben.
Spannend war es auch als in neutestamentlicher Theologie um die Tauffrage ging. Warum taufen wir Lutheraner anders als viele andere Kirchen hier Kinder? Gibt es eine zweite Taufe mit dem Heiligen Geist? In der Bibel gibt es einerseits die Taufe von Johannes dem Täufer und anderseits die der christlichen Gemeinde, darum sei es legitim neben der Kindertaufe eine zweite (Geist-)Taufe einzuführen, wurde eingeworfen.
Ich erteile bis 12 Uhr täglich 1 bis 3 Stunden Unterricht, wöchentlich insgesamt 11 Stunden (3 Kurse zum Neuen Testament und einen Kurs innerhalb der Dogmatik über die Eschatologie, die Lehre der letzten Dinge). Zwischendurch ist um 7.50 Uhr morgen Andacht in der Kirche und um 10 Uhr Lehrertreffen. Dort wird in einer halben Stunde alles ganz Wichtige besprochen. Es geht um Autoreparaturen, Vikarsausbildung, Gottesdienstpläne oder die Kirchenleitung im fernen Lae. Freistunden nutze ich, um zu Hause kurz einen Kaffee zu trinken oder letzte Vorbereitungen zu treffen.
Von 12 bis 14 Uhr ist Familienzeit: Mittagessen und Zeit, um mit Nora und Jaron zu spielen.
Manchmal wird diese Zeit oder der Nachmittag von einem Studenten unterbrochen. Da ist dann noch eine theologische Frage zu klären, es wird ein Predigtentwurf abgegeben oder abgeklärt, welche Gartenarbeit am Wochenende zu erledigen ist. Einige Studenten helfen uns (gegen Bezahlung) draußen. Langsam soll aus „Busch“ ein echter Gemüsegarten werden. Wo andere Maschinen zur Hilfe nehmen, ist hier Handarbeit angesagt. Unsere motivierten Studenten können auch wirklich zupacken.


Von 14-17 Uhr sitze ich im Büro und bereite meinen Unterricht für den nächsten Tag vor oder korrigiere Essays oder Tests. Die Kultur beruht auf synthetisches Denken, habe ich vor der Ausreise gelesen. Ja, Widersprüche werden selten benannt. Vieles wird zusammen gedacht, besonders unterschiedliche Positionen innerhalb der Bibel werden nicht als solche wahrgenommen. Ich habe das Gefühl, meine Studenten lieben Einheitlichkeit und klare Positionen. Die westeuropäische Diskussion um eine postmoderne Meinungsvielfalt passt nicht hier her.
Von 17-19 Uhr ist dann wieder familiy-time: Noch ein bisschen Spielzeit und dann Abendessen, Waschen, Zähnebutzen, Geschichte vorlesen, der Mond ist aufgegangen vorsingen und Beten… Vieles ist bei uns zu einem gewissen Ritual geworden.
Abends steht manchmal noch ein (Gebets-)Gottesdienst an oder Sprachunterricht oder nochmal Büroarbeit oder einfach wirklich Freizeit. Ich habe mir vorgenommen in meiner PNG-Zeit mich weiter in Interkulturelle Theologie hineinzudenken, die Werke Jürgen Moltmanns durchzuarbeiten und alle Staffeln „Game of Throns“ anzuschauen.
Euer/Ihr Knut Cramer

Vulkane, Thermometerhühner und Männergemeinschaft

Alle “Missionare“ der ELC-PNG, egal o Finanzberater, Computerexperte oder Pfarrer fahren jährlich zweimal auf eine Rüst- oder Freizeit. Weg von der Arbeit, hin zu Erholung, Reflexion und Abenteuer. Die Frauen haben sich schon bei Madang getroffen, gerade sind nur wir Männer in und um Rabaul unterwegs, anschließend beide zusammen.

Fellows in Fellowship wurde als Thema bestimmt. Gemeinsam haben wir einen noch leicht aktiven Vulkan erklummen. Wir trotzten der Hitze, rochen den Schweffel und traten auf wackelnde Steine und Felsen.

Beim Vulkan leben Thermometerhühner. Die legen ihre Eier in heißen Sand und der brühtet für sie ihre Eier aus. Dabei muss die Temperatur immer wieder durch die Sandmenge angeglichen werden, damit später auch kleine Kücken rauskommen. Die meisten Eier werden allerdings aus den Bodennestern gesammelt, um sie dann auf den Markt zu verkaufen.

Ob unsere Gruppe durch große Hühner und Vulkane weiter zusammenkommt? Es ist zu beobachten, dass auch unter uns Grenzen bestehen, die mit der Herkunft zusammenhängen. Wahrnehmung, Muttersprache, Verhaltens- und Glaubensweise und auch die Bezahlung zwischen einem Freiwilligen, einem philippinischen Pfarrer oder mir sind unterschiedlich. Diese Unterschiede blreeiben trotz spannender Aktivitäten. 

Zur Koinonia im Neuen Testament gehört das Teilen. Ich frage mich immer wieder, wie ich das gut im Alltag praktizieren kann. Es reicht wohl nicht aus Zeit und Wissen zu teilen?