Warum wir hier sind

Von Mission EineWelt wurden Anne und ich gefragt, ob wir für eine Broschüre mit einer Selbstvorstellung von uns und unserer Tätigkeit schrieben könnten. Die beiden noch nicht von der Redaktion in Neuendettelsau überarbeite Rohentwürfe zusammen mit einigen Bildern im Anschluss veröffentlichen wir hiermit vorab auf unserem Blog. Viel Freude beim Lesen!

Annegret Cramer:

An manchen Tagen frage ich mich schon, was ich hier eigentlich mache. Es gibt diese Tage, an denen ich die ganze Last eines Lebens in dieser anderen Welt spüre.

Wenn man gerade eine beschwerliche Reise mit dem Bott oder über miserable Straßen hinter sich gebracht hat. Wenn die Kommunikation mal wieder nicht gelingt. Wenn man die große Armut und Not der Menschen sieht und spürt und etwas hilflos daneben steht. Wenn einem Berichte schlimmer Gewalt oder Verwahrlosung zu Ohren oder Augen kommen. Wenn man wegen Stromausfall im Dunkeln sitzt und auch das Netzwerk des Telefons sich verabschiedet. Wenn man an einer Familienfeier nicht teilnehmen kann.

Es gibt vieles, was ich hier als großen Verzicht erlebe. Und doch bin ich froh, dass wir hier sind. Ja, wir wollen sogar noch einen zweiten Term an die nunmehr fast drei Jahre unseres Lebens in Papua-Neuguinea hängen. Was bewegt mich mit zwei, hoffentlich bald drei Kindern buchstäblich ans andere Ende der Welt zu reisen, um mitten im Regenwald (oder bush, wie man hier sagt) am Senior-Flierl-Seminary an der Ausbildung der zukünftigen Pfarrer der ELC-PNG mitzuarbeiten?

Zu diesem Schritt motiviert hat mich die Überzeugung, dass die Kirche, der Leib Christi, mehr ist als die eigene und vertraute Heimatkirche. Ich bin überzeugt, dass es die Kirche nötig hat, voneinander zu wissen, gegenseitig Anteil zu nehmen und sich zu bereichern. In einem Teil der weltweiten Kirche repräsentiere ich nun durch meine schiere Gegenwart einen anderen Teil und werde so zu einem notwendigen Glied in lange gewachsenen und wertvollen ökumenischen Beziehungen.

Das ist wirklich bereichernd! In besonderem Maße für mich als Frau und berufstätige Mutter in einer ausgesprochen männer-dominierten Kultur und Kirche, in der es bisher keine Frauenordination gibt. Es freut mich sehr mit welcher Offenheit ein Unterrichten der männlichen Studenten möglich ist und ich erfahre Wertschätzung und habe positive Rückmeldungen von verschiedensten Seiten. Es hat mich wirklich gefreut als ich kürzlich das erste Mal meinen Namen auf den Gottesdienstplan als Liturgin eines Abendmahlsgottesdienstes stehen sah. Auch unter den Frauen der Studenten eröffnen sich mir viele Wirkmöglichkeiten. Die Menschen hier sehen, dass wenn ich arbeite, mein Mann sich um die Kinder kümmert. Ich denke, das bleibt nicht ohne Wirkung.

Anne nach einem Erntedankgottesdienst

Anne in der KinderbibliothekDie Frauen im fast fertig renovierten Klassenraum

Natürlich frage ich mich, was es für unsere Kinder bedeutet, in einer so anderen Kultur aufzuwachsen. Vieles im Umgang mit Kindern hier sehe ich sehr kritisch, von körperlicher Züchtigung über das nicht ernst Nehmen kindlicher Bedürfnisse. Und dann staune ich wieder wie souveräne unsere ältere Tochter (5) beide Welten irgendwie zusammen und auseinander halten kann. Wir leben in Logaweng in einem wunderschönen Haus, in traumhafter Natur. Unsere Kinder sind viel draußen, spielen manchmal den ganzen Tag mit anderen Kindern, sind um uns herum. Es geht ihnen gut hier. Letztlich ist es natürlich ein Glaubensschritt als Familie in eine so andere Welt einzutauchen.

Der Blick in die melanesische Kultur über die Besucherperspektive hinaus ist unglaublich bereichernd. Es eröffnen sich uns Einblicke, die einem kurzzeitigen Besucher verwehrt oder verborgen bleiben. Mein Mann und ich erleben uns als äußerst wirksam in dem, was wir tun. Unsere Gaben und Qualifikationen können wir hier gut in den Dienst der ELC-PNG, oder anders gesprochen, in den Dienst am Leib Christi stellen.

Wir wünschen uns, dass auch andere nach uns sich bewegen lassen an einem so spannenden und herausfordernden Ort wie Logaweng zu wirken. Und sicher werden wir in Zukunft als bayrische Pfarrer in Deutschland für eine Kirche stehen, die größer ist als die Grenzen der eigenen Landeskirche.

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Knut Cramer:

In Papua-Neuguinea stelle ich mich häufiger als John vor. John können die Neuguineer aussprechen. Der erste Laut meines Vornamens „Knut“ fällt vielen schwer. Ich bin mittlerweile meinen Eltern dankbar, dass sie mir auch diesen englischen Zwischennamen geben haben. Wenn ich hier auch noch sagen, dass ich nach meinem Großvater Johann benannt bin, dann werde ich hier verstanden. Abstammung und Familie ist hier ein hohes Gut.

Als Pfarrersehehepaar wirken meine Frau Anne Cramer und ich am Senior-Flierl-Seminar in Finschhafen mit. Wir leben hier auf dem Campus zusammen mit unseren Kindern Nora (5 Jahre) und Jaron (3 Jahre). Ein drittes Kind erwarten wir im Mai 2020. Wenn alles sich so entwickelt wie gedacht, wollen wir nach einigen Monaten gemeinsamer Elternzeit im September nochmals für 2 Jahre hierher ausreisen.

Wir sind in Bewegung. Durch das recht stabile Internet, sogar in zwei Kulturen; durch WhatsApp, Trema, Twitter, Facebook und der Tagesschau App mit der Welt in Deutschland verbunden. „Bewegung“, ich stehe nicht still, sondern will vorankommen, etwas anschieben und fortsetzen. Ich mag diese dynamischen Begriffe. Ich identifiziere mich mit dem Terminus „Bewegung“ im Moto von Mission EineWelt „weil es uns bewegt“.

So vieles bewegt mich:

Der Gedanke der einen Welt, der Glaube, der Dienst am Nächsten, Christus, der Unterricht, auch der Partnerschaftsgedanke. Er wird hier ganz konkret durchs Zusammenwirken mit dem Dekanat Castell gelebt. Wir beten für Castell und 2 Mitarbeitende und 2 Studenten haben das Leben im Partnerschaftsdekanat auf einer Reise kennengelernt. Durch Spenden konnte ein neues Fahrzeug angeschafft werden, es wurden Klassenräume renoviert und regelmäßig können Schulgebühren durch eine großzügige Spende aus Castell bezahlt werden! Die Partnerschaft bewegt mich. Auch die Kirche, die Berufung, die Liebe, die Hoffnung und die Mission Gottes bewegen mich und lassen mich nicht stillstehen, höchstens innehalten.

Mein Dienst in Übersee in einem internationalen Team von Neuguineern, Philippinos und Deutschen ist vielfältig. Vor allem bin ich im Unterricht, in der Verwaltung, und im gottesdienstlichen Leben der Seminargemeinde aktiv. Dabei erlebe ich mich als wirklich wirkmächtig: Pfarrer werden ausgebildet und dadurch kann ich das Leben in der Partnerkirche in Papua-Neuguinea tatkräftig mitgestalten. Dazu kommt, dass mir interkulturelle Theologie unheimliche Freude bereitet. Ich liebe es, dass hier in Melanesien die ökumenische Perspektive nie abgelegt werden kann.

Dazu drei Beispiele:

Ich unterrichte über den Heiligen Geist, einen besonderen Focus lege ich dabei in meiner individuellen westeuropäischen Sicht auf die paulinischen Geistesgaben. Ich will die Studierenden ermutigen, sich über ihre Begabungen Gedanken zu machen. Sie bringen in ihren Rückfragen allerdings ganz andere Fragen auf: Der Geist Gottes schwebte über die Wasser (Genesis 1:2) Was bedeutet das in Bezug auf die Welt. Können Geister (spirits) als Wesen Gottes gedacht werden? Geister und Ahnen (tumbuna) gebe es schließlich überall in der Natur. Ich bin mit einer völlig anderen Weltsicht konfrontiert. Das fordert mich heraus.

Ein Student und ich erklären ein Wandbildhdr

Mit einigen Studenten besuchte meine Familie und ich die Gemeinde Kamlauwa, 15km von unserem Seminar entfernt. Gemeinsam feierten wir Gottesdienst. Dort ist mir bewusst geworden, dass nahezu alle Liturgen und Prediger vorm Kreuz auf dem Altar während der Liturgie innehalten. Das entspricht meiner eigenen Frömmigkeit. Jesu Tod wird hier häufig als Opfer verstanden. Die Theologie des stellvertretenden Sühnetodes wird von vielen Pfarrern einseitig auf der Kanzel gepredigt, denn Schuld, Scharm und Sühne gehören hier auch stark zum traditionellen Leben. In der Liturgie wird die Ehrfurcht vor Jesu Tat veranschaulicht. Hier wurde ich angestoßen, mich weiter in die Theologie des Kreuzes hineinzudenken. Mir ist es wichtig, dass Gott selbst diesen Tod stirbt und nicht seinen Sohn an seiner statt opfert.

Mit einer echten Leidenschaft verbuche ich ähnlich wie in einem deutschen Pfarramt die Finanzen des Seminars, denn ich mag Zahlen und Diagramme. Allerdings ist vieles nicht so bürokratisch wie in Deutschland. Es gibt keine Pfarramtssekretärin, kein Dekanatsbüro oder eine extra Verwaltungsstelle für die kirchlichen Seminare. So manche Frage kläre ich einfach draußen auf dem Campus im Schatten der Palme. „Ein Kollege hat eine Spende aus einer Gemeinde tief im „Busch“ mitgebracht. Wie soll ich diese verbuchen? Gibt es einen Verwendungszweck?“ Mein Kollege kennt jemanden von dort, wo es kein Netzwerk gibt. Der fährt regelmäßig nach Gagidu, dem kleinen „Zentrum“ unserer Region. Er will ihn beim Einkaufen treffen und über ihn nachfragen lassen. Der Spenderwille ist uns wichtig, aber er ist manchmal schwierig ausfindig zu machen.

Ich buche, verwalte, reise, lerne und lehre, halte Gottesdienste, sitze mit den Studenten am Feuer. Das tue ich alles gerne und denke häufig, ich habe einen der besten Pfarrstellen der Welt. Dabei weiß ich mich vom trinitarischen Gott herausgefordert und im Denken und tun bewegt. Weil er mich bewegt, habe ich mich hierher senden lassen und nun lebe und diene ich hier zusammen mit meiner Familie in Papua-Neuguinea.

anderer renovierter Klassenraum mit Studenten

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Ländlich, abgelegen, „ganz weit weg“

Mit diesen Worten kann man die Lage des Hauptsitzes des Ukata-Distriktes beschreiben. (Ein Distrikt der ELC-PNG entspricht in der ELKB in etwa einem Kirchenkreis. Allerdings gibt es innerhalb der ELC-PNG 16 Distrikte.) Trotz der Lage haben wir uns dorthin aufgemacht, um dort einen Eingangstest fürs Seminar durchzuführen. Gerade die abgeschiedenen Distrikte haben es schwerer, junge Kandidaten zu den Eingangstests in Lae, Goroka oder Finschhafen zu schicken. Besser eine Familie fährt zu ihnen, als viele machen sich zu uns auf.

Wir vier und unser neuer Volunteer sind mit dem neuen Schiff der lutherischen Kirche, der MvIalibu, von hier zu dem Küstenörtchen Wasu gefahren und wurden von dort mit dem Krankenwagen des „Etep Rural Hospital“ abgeholt. Dort haben wir bei einem befreundeten deutschen Ehepaar übernachtet. Zum Test bin ich von Etep noch 1 1/2 Stunden weiter hochgelaufen, um nach Gatop zu kommen.

Dort wurde dann gefragt, wer der Präsident Chinas ist, wie die Hauptstadt Australiens heißt, wer Abel erschlug oder welche Währung Deutschland hat. Auch einfache mathematische Gleichungen mussten gelöst werden und ein englischer Text musste analysiert werden.

Für mich war der Weg nach Gatop ein ebenso spannendes Erlebnis wie der Test und die Begegnungen oben. Da selbst Nora mittlerweile echt gut über Stock und Stein läuft, wanderten wir sogar ein zweites Mal als ganze Familie hoch. (Bilder finden sich am Ende des Artikels!) Ich fühlte mich immer freier, desto länger wir in der Natur waren. Meine Gedanken gingen weg von Alltagsproblemen zum Schöpferlob. Wie in manchen Psalmen Klage zu Freude wird, wechselten bei mir Anspannung und Stress zu Lockerheit und Entspannung.

Vor dem Haus von Anna und Simon mit ihren beiden Kindern fließt ein Bach. In dem haben wir uns häufig gewaschen. Auch das super schwache Internet in Etep trug dazu bei, runter zu kommen. Als ich noch nicht einmal ein 15KB großes Bild runterladen konnte, habe ich es mehr oder weniger aufgegeben, irgendeine Mail empfangen zu wollen. Das Telefonnetz wird ab 6 Uhr abends völlig abgeschaltet. (Unsere Freunde haben darum ein Satellitentelefon, um im Notfall erreichbar zu sein.) Ich dachte bisher, wir würden entlegen leben. Aber jetzt erlebte ich wirkliche Abgeschiedenheit und sie ist mir gut bekommen.

Mittlerweile sind wir nach einer langen Rückfahrt wieder zurück in Logaweng. Die Rückfahrt ist schnell erzählt, aber langwierig erlebt: Um 23 Uhr haben wir Etep verlassen, um 24 Uhr das Schiff betreten, um 4 Uhr ist es ausgelaufen und um 14 Uhr vorgestern in Finschhafen angekommen, gegen 16 Uhr waren wir völlig fertig in Logaweng. Auf dem Schiff herrschte wegen der Übelkeit vieler Passagiere und zu weniger Toiletten nicht gerade Wohlgeruch. Unsere Kinder konnten trotzdem einigermaßen schlafen, Anne und ich weniger. Besonders Anne hat wegen ihrer Seekrankheit die Fahrt mehr erlitten als erlebt.

Nach einem kurzen Wochenende beginnt nun das vierte Unterrichtsquartal. Ob anschließend einige der 15 Testschreiberinnen (1 Frau, 14 Männer) hier studieren werden? In der Regel bestehen 50 % der Kandidaten den Test. Dazu muss 75 % richtig beantwortet werden. Noch einmal die Hälfte von ihnen kommt tatsächlich. Wir müssen also, um eine angemessene Klassenstärke zu erreichen, gut 100 Tests ausgeben.

Ich habe mich besonders gefreut, dass zumindest eine Frau mitgeschrieben hat. Wenn ich mit den Pastoren hier über Frauenordination spreche, begegne ich mehr oder weniger offene Einstellungen. Etwa folgendes ist mir schon zu Ohren gekommen: „Meine Gemeinde ist noch nicht bereit, dass eine Frau auf der Kanzel steht, predige besser du anstelle deiner Frau.“ Oder: „Einige überlegen, ob das andere Seminar das Frauenprogramm wieder zurücknimmt und ihr lasst Frauen bewusst zum Test zu!“ Ich bin gespannt, wann und ob sich die ELC-PNG weiter öffnen wird. Im Januar steht die nächste Synode an. Aber ich glaube nicht, dass dort der Weg zur Frauenordination geöffnet wird. In der Lutherischen Kirche Australiens gibt es auch keine Frauenordination und diese hat großen Einfluss auf die ELC-PNG.

Ich verfolge im Internet die Debatten in Deutschland um Segnung und Trauung gleichgeschlechtlicher Paare und dann wird mir wieder klar, in welchem Land ich hier lebe. Ich bin auf einer Insel und diese ist aus der Perspektive Deutschlands abgelegen, ganz weit weg.

Aus Melanesien grüßt herzlich

Ihr / Euer

Knut Cramer

 

Die MvIalibu bei der Ankunft in Wasu:

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Unser neuer Volunteer spielt Geige am Unabhängigkeitstag PNGs und die Niuginis tanzen:

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Ein Festerbild der Krankenhauskirche in Etep. Dort habe ich vorletzten Sonntag gepredigt.

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Das Krankenhaus von oben:

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Natur um Etep:

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Gottes Ruf leben in Logaweng. Der Alltag eines Studenten.

Wir haben ein gutes Haus und Taschenlampen, die uns beim täglichen Stromausfall helfen. Wir können alles in Gagidu kaufen, was wir brauchen. Unser Magen ist eigentlich nie leer. Das Leben der Studenten hier ist allerdings etwas anders. Ich habe mich noch einmal mit einem engagierten Studenten über seinen Alltag unterhalten und will diesen nun hier schildern.

Der sehr eifrige und tatkräftige Michael (Name geändert) ist verheiratet und hat drei Kinder.

Die Sonne geht um sechs Uhr auf. Er verlässt seine Matte, die aus getrockneten Palmblättern geflochten ist und nimmt sich in guten Zeiten eine Süßkartoffel vom Vortag. Die anderen Kartoffeln wird seine Frau gleich für die Kinder warm machen. An schlechten Tagen bleibt der Magen morgens auch mal leer. Alle bemühen sich aber wenigstens eine Hauptmahlzeit am Abend zu bekommen. Da er sich eine Dusche mit mehreren Familien teilt, ist es wichtig frühzeitig dort zu sein. Die Kinder müssen angezogen und versorgt werden. Eines seiner Kinder muss um 7.15 Uhr beim Schultruck sein, der fährt es nach Gagidu zur weiterführenden Schule. Das andere Kind wird nur gut 50m entfernt in der Grundschule seinen Vormittag verbringen. Das letzte bleibt bei der Mutter bzw. 90 Minuten im Kindergarten.

Michael macht sich gegen 6.45 Uhr mit dem Schirm auf zum Klassenraum. Es regnet hier immer noch so viel, sodass es leichtsinnig wäre, diesen im Haus zu lassen, selbst wenn morgens die Sonne etwas scheint.

Jeder Student hat seinen festen Platz im Klassenraum. Dort liegen alle seine Hefte und Bücher. Michael ist im 2. Jahrgang. Jeden Morgen beginnen er und seine Klassenkameraden den Tag mit einem Gebet und einem Lied, bevor wir den Unterricht beginnen. Heute hat er das Vergnügen 😉 mit mir. Die Lehre vom Heiligen Geist (=Pneumatologie), steht auf seinem Stundenplan. Meine Gedanken scheinen ihn heraus zu fordern. Seine gescheiten Nachfragen und Diskussionsbeiträge bringen mich wiederum ins Nachdenken.

Gut, dass um 7.45 Uhr die Glocke zur Morgenandacht läutet. Michael fehlt nie, sondern hört aufmerksam zu, egal ob ein Student oder ein Dozent predigt. Am Dienst setzt meine Frau den Unterricht in seiner Klasse fort. Auch sie unterrichtet Dogmatik: Heute geht es um die Frage, was eigentlich Sünde sei. Als eifriger Student überlegt er weiter gut mit. Sünde kann nicht nur ein Fehlverhalten sein. Es muss tiefer gehen. Es zerstört die Gottesbeziehung. Anne fragt herausfordernd die Klasse, ob vor Gott eigentlich jede Sünde gleich schwer wiege und was dies konkret bedeuten würde.

Um 10.00 Uhr klingelt die Glocke zur Pause. Montags, mittwochs und freitags gibt es eine Packung Kekse und einen Kaffee. Heute am Dienstag bleibt Michaels Magen leer. Allerdings hat sein Kollege etwas Tabak und Zeitungspapier übrig. „Rauchen wärmt den Körper.“

Bis zum Mittag werden noch zwei Vorlesungen erteilt. Michaels Konzentration nimmt ab. Immerhin nickt er nicht ein wie einige seiner Kollegen ein. Er selbst beschreibt seine Verfassung wie folgt: „There goes the dismissal bell, and lazily going out of the door with a sleeping eye forking for a neap but rushing to the kitchen to fill the hungry stomach.“ Da seine Frau nur zwei Stunden Unterricht von 8.30 Uhr bis 10.00 Uhr oder zwei Stunden „Kindergartendienst“ hatte, hat sie das Essen bereits zubereitet.

Kindergarten

Den Kindern wird im Kindergarten erzählt.

Dienstags nachmittags im Gegensatz zu Montag und Mittwoch, an denen Gemeinschaftsarbeit Pflicht ist, kann sich Michael um seine Studien, eine Predigtvorbereitung oder seinen Garten kümmern. Der Weg zu einem seiner drei kleinen Gartenparzellen führt an unserem Haus vorbei. Manchmal stoppt er kurz bei uns und gibt uns noch etwas von seiner Ernte ab, grünes Blattgemüse oder eine Taroknolle, denn besondere Ernten werden hier häufig geteilt. Wir revanchieren uns dann mit einer Tasse Kaffee und einem Kilo Reis.

Hier zwei Bilder vom Reisgarten des Abschlussjahrgangs.

In solchen guten Zeiten ist er beladen wie ein Esel zu uns unterwegs: Auf der einen Seite hängt ein Sack mit Süßkartoffeln und grünem Blattgemüse und auf der anderen Seite Feuerholz. Das Feuerholz ist nicht nur zum Kochen wichtig, sondern auch um sich zu wärmen. In der Regenzeit, wenn der Wind um einen pfeift und überall Wasser steht, fühlen sich nächtliche 18°C recht kalt an.

am FeuerStudenten am Feuer.

Abends wird unsere Bibliothek noch einmal geöffnet und um 20.00 Uhr geht auch das Licht im Klassenraum wieder. (Wir haben täglich von 18.30 Uhr bis 20 Uhr keinen Strom, weil der neue Generator in Gagidu für die Spitzenzeit zu schwach ist, um alle angeschlossenen Orte zu beliefern.) Michael bereitet sich abends auf den nächsten Test vor oder schreibt eine Ausarbeitung. Gerade muss er einen Aufsatz über die Göttlichkeit Jesu Christi im Johannesevangelium verfassen.

Hier am Seminar ist nahezu alles geregelt. Um 22 Uhr wird wieder eine Glocke geläutet – Es ist Schlafenszeit! Nur einige Nachteulen werden die Nacht zum Tag machen. Sie schaffen es allerdings nicht vom Hahnenschrei oder der Glocke um 6 Uhr wach zu werden und dann ausgeschlafen wieder im Unterricht zu sitzen.

Michaels Alltag ist mühevoll, anstrengend manchmal auch hart, aber er sagt zuversichtlich, Gottes Ruf habe ihn hergeführt und werde ihn durch den Seminaralltag bringen.

Von der Freude an wenig Sonne, davon wie ein Rechtschreibfehler Affen hervorzaubert und von der letzten Bestimmung meiner Hühner: Die Suppe.

Vorletztes Jahr haben wir in den drei deutschen Sommermonaten Juni, Juli, August wirklich viel geklagt. Hier hat es nur geregnet. Manchmal stand unser Haus in einer Wolke. Alles war nass und klamm. Das war eine Erfahrung, die ich nicht wieder machen muss.

Dieses Jahr ist trockener und freundlicher. Nicht das wir bestes Badewetter hätten, aber die Wäsche wird an der Leine trocken.

Foto 1Jaron und Nora spielen draußen mit anderen Kindern. Am meisten freut sich Nora, wenn Mädchen hier sind: In ihrer Kindergartengruppe sind – Gott sei Dank – 9 Mädchen und nur 2 Jungs. Einige von ihnen kommen manchmal anschließend zu Besuch und auch Nora ist immer häufiger bei ihnen.

Besuch gab es vor 3 Wochen noch von weiter her. Meine Eltern waren aus Deutschland angereist und haben 10 Tage mit uns verbracht. (Anschließend haben sie ihren Urlaub in Australien fortgesetzt.) Unsere Kinder haben Opa und Oma stolz herumgeführt – bis ins Geheimversteck und zum Kletterbaum. Besonders meine Mutter war auch sehr interessiert an der Umgebung: Sie ist mit mir und Milo in eine Fledermaushöhle gestiegen und natürlich sind wir auch bewaffnet mit dem Buschmesser durch ein Dickicht ums Seminar herumgewandert. Einmal hat es die Sonne sogar erlaubt, dass wir ihnen unseren Lieblingsbadestrand zeigen konnten. Milo und ich sind mit Flossen und Schnorchel zu einem Wrack aus dem 2 Weltkrieg geschwommen und Milo hat unter Wasserfotographien der Fischwelt gemacht. (Bilder davon habe ich leider noch nicht bekommen…)

Mittlerweile sind wir im 2. Semester angekommen: Der Alltag ist wieder dicht. Unser Volunteer ist nach einem Jahr Mitarbeit am Seminar nun wieder in Deutschland, d. h. ich muss übergangsweise unseren kleinen Buchladen managen. Anfang des Semesters ist sowie schon viel zu tun: Schulgebühren müssen endgültig bezahlt, Kurse ausgearbeitet und Noten vom alten Semester abgegeben werden. Dazu kommt eben, dass viele Studenten neue Hefte und Lektüre fürs neue Semester erwerben wollen. Die letzten Tage waren recht voll, aber dafür war in den Semesterferien eben auch Zeit für meine Eltern. Sie kennen nun Finschhafen ein wenig.

Unsere Region ist nach dem Ethnologen Otto Finsch und einer Anlegestelle benannt. Hafen klingt zu groß, obwohl jetzt ja die Mv Ialibu wöchentlich hierherkommt. (Wir müssen nun nicht mehr Wochen lang auf Fracht warten.) Leider wird der Name der Region häufig völlig falsch geschrieben. Sogar der Parlamentsabgeordnete von hier vertritt Finschaffen, obwohl es hier zwar viele schöne Tiere, aber eben keine Affen gibt.

Aber nicht nur darüber habe ich mich in den letzten Tagen gewundert. Diese Woche wurde ein neuer Bürgermeister von Logaweng gewählt. Obwohl hier um die 150 erwachsene Personen wohnen, standen wieder nur 19 Personen auf der Wahlliste. Auch einer der zwei Kandidaten war nicht auf der Liste. Auf weitere Formfehler wie eine nicht versiegelte Wahlbox wurde direkt von der Wahlkommission hingewiesen. Die Kommission musste ich ein Stück zurückbringen, weil das Auto der lokalen Polizei, mit dem sie abgeholt werden sollten, keinen Allradantrieb hatte und der erste Gang auch nicht funktionierte. Ihr Auto hat es dadurch nicht zu uns ans Seminar hoch geschafft. Diese Dinge verwunderten mich allerdings weniger als das Wahlergebnis: Den nicht gewählten Kandidaten hielt ich für des Amtes würdig, für sehr integer und tatkräftig. Ich habe die Welt um mich herum noch weniger verstanden als sonst schon.

Aber vielleicht sollte ich mich nicht um Politik kümmern, sondern mehr um mein Hobby: Meine Hühner. Ich habe unseren Stationmanager, der Familie unserer Hausangestellten und einen Kirchenvorsteher des Nachbardorfes jeweils 2 oder 3 nun junge Hühner geschenkt. 4 sollen zu neuen Legehühnern werden. Ihre Mutter wird, wenn diese ihre erste Bestimmung erreicht haben, ein Suppenhuhn.

Zum Abschluss noch einige Worte zu den letzten beiden Überfahrten von bzw. nach Lae. Da muss ich ja z. B. immer wieder hin, um Hühnerfutter zu kaufen. Das Private lässt sich aber gut mit Dienstlichem verbinden. (Nur dort bekomme Kontoauszüge fürs Seminarkonto, günstige Farbe für die alten Klassenräume oder Bargeld, um unsere Mitarbeiter zu bezahlen.) Jedenfalls waren die Überfahrten mal wieder einmalig. Es hat fürchterlich nach Benzin gestunken. Das führte zu Übelkeiten bei meinen Mitfahrenden und zu Schleim und Mief auf meiner Kleidung. Ein anderes Mal stützte das Boot manchmal 2 Meter nach einer Welle in die Tiefe. Nach 4 Stunden schmerzte mein Rücken. (Der über 80jährige Arzt, der auch auf dem Boot saß, meinte allerdings nur, Rückenschmerzen hätten in der Regel eine psychologische Ursache und ich sei psychisch ja gesund.) Und dann war die See wieder wirklich ruhig. Mit einigen Bildern davon verbleibe ich mit ganz herzlichen Grüßen,

Ihr / Euer Knut Cramer

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Entspannung

Umgebung wechseln. Abschalten. Ruhe. Tapetenwechsel. Kurz mal raus. Diese Begriffe kommen wir gerade in den Sinn.

Nach einem anstrengenden Quartal mit der Doppelfunktion „Dozent und Kassenwart“ und einigen Diensten von Anne und mir außerhalb des Seminars bin ich Freitag alleine nach Lae gefahren. Anne war mit den Kindern noch in Logaweng. Wir haben uns entschieden, dass ich bei einer kleinen Hochzeitsfeier von einem Überseekollegen dabei bin und Anne mit den Kindern an Trauerfeierlichkeiten teilnimmt. Freud und Leid liegen manchmal sehr eng beieinander.

Asemba Kaisen, unser Fahrer, ist letzten Sonntag überraschend mit 57 Jahren durch einen Schlaganfall verstorben. Er hat täglich die Schulkinder zur Schule gebraucht und wieder abgeholt. Das ganze Seminar war deshalb eine Woche im Ausnahmezustand: Es wurde gesungen, viel geweint und gemeinsam wurden Nächte durchwacht. Hier wird anders und lauter als in Deutschland getrauert. Der Tod kann nicht verdrängt werden, denn er betrifft eine große Gemeinschaft. Viele bringen Gaben und bekunden dadurch ihr Mitleid oder sitzen einfach mit der Trauerfamilie zusammen.

Nach den täglichen Trauerandachten wurde spätabends noch gegessen. Hier einige Frauen, die gerade mit dem Kochen fertig sind.

Auf der anderen Seite meines Bekanntenkreises stand heute Mike Hauser im Mittelpunkt: Er, ein Dozent am Partnerseminar in Lae, hat im kleinen Kreis schon vor einigen Wochen „seine“ Milka, eine Studentin, geheiratet. Nun gab es noch ein Festessen für Freunde, Kollegen und die aus Australien angereiste Familie. Ich bin dankbar, dass ich bei dem freudigen Ereignis dabei sein durfte und kurz mal raus konnte.

Ihr / Euer Knut Cramer

Von Außerordentlichem, Verrücktem und Ausnahmezuständen!

So lassen sich gerade verschiedene Ereignisse rund um unsere Studenten, die nationale Politik und unsere Hühner beschreiben.

Gestern (29.05.2019) ist der Premierminister Hon Peter O’Neill offiziell zurückgetreten. Er gilt als hoch korrupt. Während seiner Regierungszeit hat sich die Wirtschaftskraft des Landes zurückentwickelt. Er betonte zwar im Parlament wieder, wie viel er geleistet hat und betonte dabei Bildung und Gesundheitswesen, aber gerade in diesen Bereichen liegt besonders in ländlich-abgelegenen Gegenden vieles im Argen. Wenn die Bildung doch so wirksam sei, warum können dann einige Frauen unserer Studenten nicht lesen und schreiben, wenn sie hierherkommen? Heute wurde nun der ehemalige Finanzminister James Marape mit 101 von 111 Stimmen als neuer Premierminister gewählt. Er hat mehrere Jahre in O’Neills Kabinett mitgearbeitet. Mir leuchtet diese große Mehrheit, ehrlich gesagt nicht ein, wenn es doch gerade um Misswirtschaft geht. Das ist doch irgendwie ein krasses Stühle-Verrücken!

Letzte Woche war für einige Studenten auch kein ordentlicher Unterricht. Wir haben darauf bestanden, dass bis Sonntag letzter Woche zumindest 60% der Schulgebühren bezahlt sein müssen. Die säumigen Studenten haben wir aus dem Unterricht verbannt. Dank sparsamer Haushaltsführung, Zuschüssen von den Partnerkirchen und der nationalen Kirche sowie eigenen Einnahmen durch einen kleinen Laden und einem kleinen Gästehaus brauchen wir nur 1.000 Kina jährlich für verheiratete Studenten zu verlangen. Singles müssen jeder 850 Kina zahlen. Andere „Berufsschulen“ des Landes nehmen deutlich mehr und trotzdem sind 1.000 Kina für die Studenten viel Geld. [Die Kaufkraft – nicht zu verwechseln mit dem Wechselkurs – des Euros ist geringer als die des Kina.] Viele Menschen leben als Selbstversorger (Subsistenzwirtschaft) halt einfach schlichter und kommen so irgendwie über die Runde. Das Seminar verpflichtet jeden Studenten, einen Sponsor (Familie, Gemeinde, Mäzen) zu finden, der ihn unterstützt. Viele bekommen auch einen Zuschuss von ehemaligen Missionaren oder Partnergemeinden ihrer Heimatgemeinde. Jedenfalls konnten fast 10% unserer Studenten nicht am Unterricht teilnehmen, aber irgendwie haben alle Studenten innerhalb einer Woche noch die nötigen Münzen aufgetrieben, um unter die magische Marke von 400 Kina zu kommen. Alles hat sich wieder zurechtgerückt.

Privat ist unsere „Familie“ um 11 Mitglieder angewachsen. In der letzten Vollmondnacht sind die ersten von 12 Küken geschlüpft. Leider hat während der Nacht ein streunender Hund eine unserer zwei Glucken gerissen. Ich habe daraufhin alle schon geschlüpften Küken und Eier unter die verbliebene Glucke gesteckt. Weitere zwei Küken waren leider zu schwach und ein Küken hat es nicht geschafft, die Eierschale zu durchbrechen. Leben und Tod liegen manchmal sehr eng zusammen.

Gerne beobachte ich das Muttertier. Es stolziert durch unseren Garten, bringt den Kleinen das Scharren bei. Manchmal versuche ich ein Kleines einzufangen, damit Jaron und Nora es mal halten können. Die Mama schaut mich dann argwöhnisch an und hat mich auch schon das ein oder andere Mal gepickt. Abends sammelt sie alle ihre Küken und sie finden Platz unter ihren Federkleid. Dabei kommt mir folgendes Bibelwort in den Sinn, in dem Gott mit einem Huhn verglichen wird:

Er wird dich mit seinen Fittichen decken, /

Und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.

(Psalm 91.4 nach der neuen Lutherübersetzung)

Für die Hühner ist es jedenfalls ein ganz besondere, eine außerordentliche Zeit. Unser Hahn schreit noch mehr. Wenn größere Vögel wie der bunte Hornvogel über unser Haus fliegen, warnt er seine Hennen laut stark.

Nicht unbedingt außergewöhnlich, aber erwähnenswert ist noch, dass dieses Jahr alle Studierenden und nationalen Kollegen einen Büchergutschein bekommen haben und dass gerade ein neues Regal für unsere Kinderbibliothek gebaut wird.

Partnerschaftsbeziehungen leben zwar nicht vom Geld, aber sinnvoll investiertes Geld aus Deutschland kann Besonderes hervorbringen. Herzlichen Dank den Spendern!

Ich verbleibe mit herzlichen Grüßen mitten heraus aus meinem manchmal ungewöhnlichen Alltag,

Ihr / Euer Knut Cramer

Into the unknown

So lautete der Titel unserer Männerfreizeit in Port Moresby. Er war sehr passend, denn für viele Überseemitarbeiter steht das Vertragsende kurz bevor. Einige Kollegen werden in den Ruhestand gehen und ob sich Nachfolger finden lassen, ist sehr fraglich.

Wohin bewegt sich die Lutherische Kirche hier? In einem guten halben Jahr stehen wieder Bischofswahlen an. Überseeexperten werden eben weniger. Führt dies dazu, dass unsere Aufgaben von nationalen Kollegen übernommen werden und dass diese dafür die nötige Mittel zur Verfügung haben? Ohne Auto wäre es uns kaum möglich, die Einkäufe fürs Seminar wie Abendmahlswein, Papier, Bücher, Druckerpatronen oder ein Ersatzteil für den Rasenmäher zu erledigen. Das Auto wird uns von den Partnerkirchen zur Verfügung gestellt.

Ins unbekannte driftet auch gerade der Staat Papua-Neuguinea. Letzte Woche wurde ein Misstrauensantrag um 3 Wochen verschoben. Die Mehrheit des Premierministers bröckelt. Hektik ist ausgebrochen. Ministerposten werden verhandelt.

SAMSUNG CSC(Foto vom Parlamentsgebäude)

Port Moresby ist vom Hochland oder von Lae nur mit dem Schiff oder dem Flugzeug zu erreichen. Die Hauptstadt ist irgendwie unverbunden mit dem Rest des Landes. Es gibt dort eine große Shopping Mall mit modernem Kino. Für mich einfach surreal und doch entspannend! Ich war in einer anderen Welt. Neue Hotels und wachsende „Settlements“ prägend das Stadtbild. Arm und Reich sind nahe zusammen und doch getrennt. Die lutherische Kirche betreibt einen großen Kindergarten. In keinem Dorf in Finschhafen gibt es so etwas.

Wir waren in einem Gästehaus von den „Salesianern Don Boscos“ untergebracht. Diese Ordensgemeinschaft betreibt auch eine Berufsschule.

SAMSUNG CSC Ich war über deren Ausstattung und über dessen Leitung überrascht. Zwei Frauen leiten die Einrichtung! Für Papua-Neuguinea, in dem Land gibt es nur wenig weibliche Führungspersönlichkeiten und keine Abgeordnete im Parlament, sehr überraschend! Neben den vielen einheimischen Mitarbeitern arbeiteten bei „Don Bosco“ auch viele Überseemitarbeiter, besonders Philippinos. Was wäre dieses Land ohne ausländisches Knowhow? (Natürlich kann dies in irgendeiner Weise für jedes Land gefragt werden.)

Es tat jedenfalls gut, etwas ganz anderes zu sehen und auch in eine etwas andere Welt einzutauchen!SAMSUNG CSC Motiviert und gestärkt bin ich wieder nach Finschhafen gekommen. Hier erwartete mich allerdings viel Arbeit. Die normalen 13 oder mehr Vorlesungsstunden wöchentlich haben schon ihre Dynamik. Gerade schreibe ich noch Projektanträge für Wassertanks und die Renovierung von Klassenräumen. Viele Aufsätze habe ich eingesammelt. Aus- und Eingänge sind verbucht worden. (Excel wird immer mehr zu einem treuen Begleiter.) Ich habe mir mal gesagt, ich würde nie eine Predigt am Sonntagmorgen fertig stellen wollen, aber auch das ist mir mittlerweile passiert.

Spannend war auch den Besuch unseres neuen Vorgesetzten, dem Fachreferenten von Mission EineWelt für Papua-Neuguinea Arnim Dörfer. Wir haben zusammen am Feuer Süßkartoffeln gegessen, gebadet, Wein getrunken, Heldsbach einen Besuch abgestattet und vor allem gute Gespräche geführt. Eine gute vertrauensvolle Basis für die zukünftige Zusammenarbeit ist gelegt.

Während der Freizeit und des Besuchs gab es auch spannende Möglichkeiten über theologische Themen nachzudenken: Ich versuchte einem Kollegen zu erklären, warum ich die Allversöhnungs­lehre für durchaus in PNG lehrbar halte und dass damit Mission vielleicht sogar plausibler werde.

Auch die Bedeutung des Abendmahls wurde fast wie zur Zeiten der Reformation lebhaft diskutiert, aber wir konnten Brot und Leib auch einfach als Stärkung empfangen.

Wir wurden uns einig, dass liturgische Formen eine trügerische Sicherheit geben können. Strukturgläubigkeit und das Kollektiv können ebenfalls einen Halt vortäuschen, der schnell zerbrechen kann.

Im Griechischkurs stellte ich den Studenten heute die Götterwelt des Olymps vor und sie meinten, diese komme dem melanesischen Weltbild ihrer Vorfahren sehr nahe.

Ich denke weiter über die Klimakrise nach: In Europa scheint, das Bewusstsein, dass sich etwas ändern muss, zu wachsen. Hier, wo die Auswirkungen zu spüren sind, ist Umweltschutz immer noch ein Fremdwort. Allerdings müssen sich viele auch weniger Gedanken darüber machen, ob ein Auto der Umwelt schadet, wenn viele nicht einmal im Traum an ein eigenes Auto denken können. In der Regel sitzen auch nicht 2 Personen in einem Auto, sondern eher 20 Personen.

Mit diesem Einblick in meine Erlebnis- und Gedankenwelt grüße ich alle Leserinnen und Leser in dieser nachösterlichen Zeit und bedanke mich bei Thorsten Krafft für seine Fotos.

Ihr / Euer Knut Cramer